Krümmel:; Ueber Gezeitenwellen,
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Haben diese Orte nur einmal Fluth in 24 Stunden, so giebt’s auch wieder
andere, die mehr als eine Fluthwelle in zwölf Stunden empfangen: so hat an
der Ostküste Schottlands die Mündung des Tay-Flusses bei Stirling je dreimal
Hochwasser in 12 Stunden, und etwas Aehnliches ist auch im Hafen von South-
hampton und auf der Rhede von Cowes der Fall, wenn hier auch das erste
dieser drei Hochwasser nur wenig ausgebildet ist und die beiden stärkeren nur
durch eine schwache Senkung des Wasserstandes getrennt sind. Ferner finden
wir in Havre und im Helder zwei Hochwasser in 12 Stunden, die 3 bis 4 Stunden
auseinander liegen und nur durch ein schwach ausgeprägtes Niedrigwasser von-
einander geschieden sind, was, nebenbei bemerkt, für den Hafenverkehr dieser
Orte von grofsem Vortheil ist, da der hohe Wasserstand so viele Stunden lang
anhält und entsprechend mehr Schiffe eingeschleust werden können.
Weitere Unregelmäßigkeiten von Ort zu Ort ergeben sich für den zeit-
lichen Eintritt der Fluth. An unseren atlantischen Küsten trifft an jedem Voll-
mond- oder Neumondtage das Hochwasser zu derselben Uhrzeit ein; diese
Zeitgröfse heifßfst die ordinäre Hafenzeit eines Ortes, Die Anordnung dieser Hafen-
zeiten ist nun an den verschiedenen Küsten sehr verschieden. Reducirt man sie
auf eine Normalzeit, .z. B. nach Greenwich, und konstiruirt man danach Linien
gleichzeitigen Hochwassers oder Fluthstundenlinien auf einer Karte, so sieht man
sie an der Ostseite des Nordatlantischen Oceans so regelmäfsig angeordnet, dafs
hier ganz deutlich ‚eine von Süden nach Norden heranrollende Fluthwelle her-
vortritt, die um 2" bei Kap Finisterre, um 4 am Eingange zum Britischen und
Irischen Kanal liegt, um 6* im Norden die Hebriden erreicht und alsdann sowohl
um Schottland herum, wie durch die Strafse von Dover hindurch in die Nordsee
eintritt, hier aber werden die Hafenzeiten rasch unregelmäfsig und schwer be-
greiflich.
Demgegenüber hat die ganze atlantische Ostküste von Nordamerika fast
gleichzeitig Fluth, und gehen wir in die anderen Oceane, so kommt man auf
ganz wunderbare Anordnungen. An den Ostküsten von Neuseeland z. B. wachsen
die Hafenzeiten von Süden nach Norden, an den Westküsten dagegen umgekehrt
von Norden nach Süden; die gegenüberliegende Ostküste Australiens aber hat
wieder auf ihrer ganzen Strecke von 26 Breitengraden oder 3000 km nahezu
gleichzeitig Hochwasser.
Aber es giebt auch Orte, für die eine sogenannte Hafenzeit überhaupt
nicht aufgestellt werden kann. Die Hafenzeit ist doch das Zeitintervall zwischen
der Kulmination des Mondes und dem. Eintritt des Hochwassers zur Zeit des
Vollmondes oder Neumondes, denn der Neumond kulminirt mit der Sonne zu-
gleich um 12 Uhr mittags, der Vollmond um Mitternacht. Man kann an jedem
beliebigen anderen Tage die Zeit des Hochwassers finden, wenn man aus den
Ephemeriden oder dem nautischen Jahrbuch die Stunde entnimmt, an welcher
der Mond an dem betreffenden Orte kulminirt, und die Hafenzeit, mit einer
kleinen Korrektion, die hier nichts zur Sache thut, hinzufügt. Man sieht, das
wird nur für solche Orte möglich sein, wo die Mondfluth sehr viel stärker ist
als die Sonnenfluth. Nach der Theorie soll die Sonnenwelle nur 0,44 der Höhe
der Mondwelle betragen. Aber dieses theoretische Verhältnifs wird nur sehr
selten erreicht, angenähert an der kalifornischen Küste bei San Diego mit 0,41,
während San Francisco schon 0,23 hat. Dagegen ist in der Florida-Strafse die
Mondfluth sechsmal stärker. als die Sonnenfluth, nicht weit davon an der
Mississippi-Mündung umgekehrt die Sonnenfluth viel stärker als normal, nämlich
0,59 der Mondfluth. Im Mittelmeer ist die Sonnenfluth in Marseille zu klein
(0,35), in Toulon zu grofs (0,47), noch gröfser in Malta (0,61). In Mauritius und
Ceylon sind Sonnen- und Monädfluthen ungefähr gleich. Ja, es giebt eine Anzahl
von Orten, wo die Mondfluth klein wird bis zum völligen Verschwinden, wo
also die Sonnenfluth allein herrscht.‘ Das geschieht im Pacifischen Ocean auf
der Insel Tahiti, wie seit langer Zeit bekannt ist, aber auch an verschiedenen
Punkten der Java-See, wie die neuen schönen Arbeiten Dr. van der Stoks er-
geben haben. Auch in unseren europäischen Meeren haben wir ganz vereinzelt
einen solchen Ort: Courtown an der Ostküste Irlands. Hier also hat man jeden
Tag um dieselbe Uhrzeit Hochwasser, eine Hafenzeit im gewöhnlichen Sinne,
d. h; eine, die sich nach dem Monde richtet, ist nicht vorhanden. :