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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1897.
geblieben ist. Wenn die Pariser Akademie damals dennoch einen Preis und
zwar an Daniel Bernouilli ertheilte, so geschah das, weil dieser eine aus-
gezeichnet klare Darstellung der Newtonschen Theorie gegeben und eine An-
leitung ausgearbeitet hatte, auf der Grundlage vorhandener Beobachtungen den
Eintritt von Ebbe und Fluth im Voraus zu berechnen. Die Pariser Akademie
stand damals unter dem Eindruck der gewaltigen Leistungen der rechnenden
Astronomie, die mit ihren haarscharfen Methoden das Eintreten gewisser Himmels-
erscheinungen, wie z. B. der Sonnen- und Mondfinsternisse auf Tag und Stunde
auf Jahrtausende vorwärts und rückwärts für jeden Ort der Erde, lediglich durch
Rechnung zu finden gelehrt hatte. Aber das Gezeitenphänomen war einer solchen
mathematischen Behandlung vollkommen unzugänglich, und was im ganzen vorigen
und in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts auf diesem Gebiete geleistet worden
ist, bewegt sich immer in derselben Richtung wie die Arbeit Bernouillis, d. h.
zielte dahin, aus der Diskussion schon vorhandener, möglichst zahlreicher Beob-
achtungen für einen bestimmten Ort den Charakter der Flutherscheinungen zu
erfassen und danach für Jahre im voraus Gezeitentafeln zu berechnen, die dem
Seefahrer einen Anhalt dafür geben, um welche Stunde er in dem betreffenden
Hafen auf den Kintritt des Hochwassers rechnen dürfe.
Dafßs die Newtonsche sogenannte Gleichgewichtstheorie zu einer voll-
kommenen Erklärung der wirklichen Erscheinungen der Ebbe und Fluth nicht
ausreichte, ist zuerst von Laplace erkannt und ausgesprochen worden; doch
war auch dieser unübertroffene Rechner nicht im Stande, eine bessere, leistungs-
fähigere "Theorie an ihre Stelle zu setzen. Das gelang erst dem englischen
Astronomen Sir George Biddell Airy vor nun 55 Jahren,
Die Schwierigkeiten, die sich einem wissenschaftlichen Verständnifs des
Phänomens entgegenstellten, schienen (und scheinen noch heute) in demselben
Malse zu wachsen, als man von immer neuen Küstenorten Beobachtungen erhielt
und sie nun deuten sollte. Hier war anscheinend nichts mehr in Regeln zu
fassen: Alles schien von Ort zu Ort verschieden sein zu können.
Die Fluthgröfse zunächst, d. h. der Unterschied der Wassertiefe bei Hoch-
und Niedrigwasser, ist auf einsamen oceanischen Inseln klein und bleibt oft
unter einem Meter: so erreicht die Springfluth in Tahiti 40, in Ascension 60, in
St. Helena 90, in Südgeorgien 80 cm; aber auf anderen ähnlich gelegenen, land-
fernen Inseln kommen doppelt oder dreifach so hohe Beträge vor: die Azoren
haben z. B. 1,2 m und Madeira gar 2,1 m hohe Springfluth, und im pacifischen
Gebiet die Marquesas-, Samoa-, Tonga-, Gilbert- und Marschall-Inseln 1,2 bis 2 m
gegen Honolulu mit nur 80 cm. An den Festlandsküsten werden dagegen Beträge
nicht nur von 3, 5, 8 m, sondern an der französischen Kanalküste in der Bucht
von St. Michel solche von 11m, in Granville sogar von 12,4 m und im Bristol-
Golf von 13, ja vereinzelt von fast 16 m bei Springfluth verzeichnet. Aber auch
diese Maße werden in Schatten gestellt durch die berühmten Riesenfluthen der
Fundy-Bai an der amerikanischen Küste zwischen Neu-Braunschweig und Neu-
Schottland, wo sich die regelmäfsigen Springfluthen auf 14 m erheben, aber im
Codiac-Flusse angeblich bis zu 20 m ansteigen können. Andere gegen den Ocean
abgeschlossene Meere haben wieder fast unmerkliche Gezeiten: wie das Mittel-
meer, wo Toulon nur 14 cm, der Golf von Neapel 34 em bei Springfluth haben;
oder unsere Ostsee, wo bei Kiel der ganze Fluthwechsel 7 cm, bei Memel knapp
1 cm beträgt, was dann nur durch sehr subtile Beobachtungen festzustellen ist.
An unseren europäischen Küsten ist der Unterschied in der Gröfse der
beiden Hochwasser eines Tages nicht erheblich, wohl aber ist das allgemein im
Indischen und Paeifischen Ocean der Fall, in deren Häfen dieser Unterschied, die
sogenannte „tägliche Ungleichheit“, für den Seemam von praktischer Bedeutung
werden kann. Das trifft auch schon für die Südküste der Vereinigten Staaten
zu: in der Florida-Strafse ist das erste Hochwasser doppelt so grofßs wie das
zweite, und im Mexikanischen Golf, z. B. an den Mississippi-Mündungen, ist ein
zweites Hochwasser fast gar nicht mehr zu erkennen; da giebt es also nur eine
Fluthwelle in 24 Stunden, es herrschen Eintagsfluthen, und zwar findet das Hoch-
wasser im Sommer bei Tage, im Winter des Nachts statt. Ebenso herrschen
Eintagsfluthen im Golf von Tongking, in der Java-See und vielen anderen
Theilen des australasiatischen Inselmeeres und des Pacifischen Oceans, z. B. auch
am Neupommern.