Köppen: Schätzungen der Windstärke auf Segelschiffen vor und bei dem Winde, 335
im Sommer. 30,0). Der Unterschied nach- den Jahreszeiten ist‘ also verschwindend,
derjenige nach der Segelstellung dagegen‘ gewinnt Bedeutung, wenn man ‚das
Folgende überlegt. . Sa |
Da es sich bei "den oben benutzten „Durchstechern durch den Passat“
stets um ein Segeln mit viel Seeraum und mit dem Wunsche nach schneller
Fahrt handelt, so ist das „beim Winde“ stets als „gut voll und bei“ und nicht
„dicht beim Winde“ zu verstehen. In dieser Stellung macht aber, so lange der
Wind mäfsig weht, der Durchschnitt aller hier in Betracht kommenden Schiffe
bei demselben .Winde entschieden nicht weniger, sondern .mehr Fahrt als platt
vor dem Winde; bei den modernen Viermastern ist der Unterschied ganz be-
deutend. Wenn also trotzdem auf 1° geschätzter Windstärke vor dem Winde
durchschnittlich 33, . beim Winde nur 30 Sm kommen oder, was dasselbe. ist,
eine Fahrt von 120 Sm im Etmal vor dem Winde 3,6, beim Winde 4,0 Beaufort
entspricht, so kann dieses nur daran liegen, dafs. die Windstärke vor dem Winde
durchschnittlich um mindestens so viel zu niedrig geschätzt wird. Warum: dieses
Verhältnifs auf der Route vom Kap zur Linie ganz besonders ‚ausgeprägt ist,
dafür fehlt eine ausreichende Erklärung. Viel eher sollte man erwarten, ‚dafs
auf der Fahrt vom Kanal zur Linie, wo die Schiffe noch reinen Boden haben
und auch keine grofse Dünung hindert, der Fortgang für gleiche geschätzte
Stärke besonders günstig sei; das ist aber durchaus nicht der Fall.
Schätzungen der Windstärke, die beim Segeln platt vor dem
Winde gemacht sind, müssen, dem Obigen zufolge, im Passat um durch-
schnittlich einen halben Grad der Beaufort-Skala erhöht werden.
Um dieselbe Größe waren wir schon: bei Bearbeitung des Atlas vom Indischen
Ozean genöthigt, die Schätzungen der vor den „braven Westwinden“ im Süden
des Indischen Ozeans nach Osten laufenden Schiffe zu erhöhen, um sie mit den
großen Geschwindigkeiten der Letzteren in Einklang zu setzen. Wie sich diese
Korrektionsgröfse bei verschiedener Stärke und Beständigkeit des Windes ver-
hält, darüber fehlen. noch alle näheren Anhaltspunkte. ;
Eine gesegelte Distanz. von 120 Sm im Ktmal, wie wir sie als der Wind-
stärke 4 entsprechend gefunden haben, bedeutet eine mittlere Geschwindigkeit
des Schiffes von 2,6 m in der Sekunde, Der Stärke 4 der Beaufort-Skala
entspricht aber nach.den umfassenden vorhandenen Vergleichungen eine wahre
Windgeschwindigkeit von durchschnittlich 7,1 m in der Sekunde, Die. Geschwin-
digkeit des Schiffes beträgt also durchschnittlich beim Winde 37° von jener
des Windes und vor dem Winde ungefähr ebensoviel, wenn man den fest-
gestellten Schätzungsfehler berichtigt. Ein Anemömeter kann also, in freiester
Aufstellung, auf einem vor dem Winde segelnden Schiff noch nicht ?/s der
wirklichen Windgeschwindigkeit. ergeben. Bei der Schätzung wird dieser Fehler
durch eine Reihe mehr oder weniger bewufster Ueberlegungen aufgehoben,
jedoch nicht ganz; es bleibt ein Rest davon in der Gröfse von etwa !/a:4 oder
Vs der Windstärke nach, um den die Letztere vor dem Winde segelnd unter-
schätzt‘ wird und der durch Korrektion nachträglich auszumerzen ist. In den
Windkarten des Indischen Ozeans ist dieses, wie erwähnt, für die höheren süd-
lichen Breiten schon geschehen, in niederen Breiten ‚spielen in. diesem Ozean
Fahrten platt vor dem Winde keine erhebliche Rolle. In den neuen Wind-
karten des Atlantischen Ozeans, die in Vorbereitung begriffen sind, wird diese
Korrektion durchweg berücksichtigt sein. Dagegen ist sie auf den Windkarten
des Stillen Ozeans noch anzubringen, und erhöhen sich durch sie die Wind-
stärken auf dem Wege vom Kap Horn zur Linie nördlich von 30° S-Br um
Ih Beaufort-Grad.
Da nach Maury, Chabannes u. A. die Fahrt des Schiffes bei Back-
stagswind oder mit raumer Schoote 25 bis 50° gröfser ist als vor. dem Winde,
so mülste man erwarten, dafs in diesen Segelstellungen‘ bei mäßigen Winden
etwa 40 Sm auf einen. Grad Beaufort kommen. Die Erfahrung an den Durch-
schnittswerthen langer Reisen bestätigt dies nicht. Die Segeldistanz im. KEtmal
verhält sich zur Windstärke zZ. B. bei der Fahrt von den nordamerikanischen
Häfen zur Linie durch den Nordostpassat wie 147 : 4,4 im Winter und wie
141:4,3 im Sommer, was beides nur 33 Sm auf 1° gleichkommt; dieselben
Gröfsen verhalten sich im Südostpassat des Indischen Ozeans auf der Hinfahrt
(im Sommer) zwischen 30° und 10° S-Br bei deutschen Schiffen wie 150 : 4,1