Die Eisgrenze zwischen Grönland — Island — Spitzbergen. 315
Bemerkenswerth ist dabei, dafs in der eigentlichen Dänemark-Straße die
im Laufe des Jahres eintretenden Schwankungen. der Lage der Eiskante ungleich
geringer sind als nördlich von Island; am südlichen Ausgange der Strafse, auf
der Höhe von Angmagsalik hat man jedoch am Ende des Sommers fast freies
Wasser oder nur eine ganz schmale Eisbarriere, welche von Dampfern stets forcirt
werden dürfte.
Was dann die Eisverhältnisse speciell Islands anlangt, so beschränkt sich
Ryder unter Hinweis auf Thoroddsens und Wandels Arbeiten, welche beide
auch in dieser Zeitschrift (1887) besprochen worden sind, *) im Wesentlichen auf
folgende Bemerkungen und Zusätze.
Kommt das Eis bis an Land, so' geschieht dies gewöhnlich in den ersten
Monaten des Jahres meistens mit nördlichen Winden. Es erscheint dann an der
Nordküste zu gleicher Zeit bei Kap Nord, Grimsey und Langenaes. Es treibt
mit dem Strom längs der Küste nach Osten und Süden, in Zungenform meist bis zum
Berußjord reichend; in einzelnen Jahren kommt es sogar noch weiter, nämlich
(yon Osten her) längs der Südküste bis Reykjanaes. Von den 16 Jahren des
Zeitraumes 1877 bis 1892 sind fünf, in denen das Eis nicht erschien; in zwei
Jahren war es nur bei Kap Nord, in zwei anderen lag es an der ganzen Nord-
küste bis Langenaes und Melrakke; vier andere Jahre führten es bis Berufjord,
ain Jahr bis Ingolfshöfde, und 1881 und 1882 konnte es sogar bis Reykjanaes
beobachtet werden. —
Fragt man nach den ursächlichen Faktoren, welche die Lage der Eis-
grenze auf der ganzen Strecke von Südgrönland bis Spitzbergen bedingen, so
sind nach Ryder besonders die Strömungen mafsgebend; dabei wird von dem
Jurch Mohn 1885 näher dargelegten Schema der Wasserbewegungen im
Europäischen Nordmeer ausgegangen. Der von Norwegens Nordküste zur Bären-
Insel. und der Westküste Spitzbergens setzende Warmwasserstrom hält erstens
die letztgenannte Küste eisfrei und bewirkt durch sein allmähliches Umbiegen
nach Westen das Zurücktreten der Eisgrenze nördlich von 74° N-Br, so dafs
nördlich von etwa 75° N-Br die unter den Walfängern bekannte „Nordbucht“
entsteht, wo man die vergleichsweise gröfste Chance hat, zur grönländischen Küste
zu gelangen, eine Stelle, welche Clavering 1823, Koldewey und Hegemann
1869, endlich Ryder 1891 meist mit Erfolg benutzt haben. N
Der vorgeschobene Eisposten auf rund 74° N-Br wird dagegen durch den
Polarstrom gebildet; derselbe setzt, um den Wasserkreislauf zu schließen, dessen
Centrum man in ungefähr 76° N-Br und 5° O-Lg sich zu denken hat, hier
offenbar nach Süden und Südosten; besonders im Frühjahr (s. Maikarte) ist der
Knick im Verlaufe der Eisgrenze scharf. .
In der Dänemark - Strafe herrscht der Polarstrom auch im Sommer fast
allein, darum ist hier auch die jahreszeitliche Verschiebung der HEiskante so
unbedeutend.
In der Beschaffenheit des Eises besteht auch ein erheblicher Unterschied
zwischen der Gegend nördlich und südlich von der engsten Stelle der Dänemark-
Strafse.. Nördlich von Island sind die KEisfelder in der Regel sehr grofs, sobald
man erst einmal einige Meilen in den Pack eingedrungen ist, wo der Seegang
nicht mehr zerstörend wirkt. Die Dimensionen nehmen mit der geographischen
Breite und mit der Annäherung an Land zu, es finden sich Eisfelder von mehreren
Quadratmeilen (CO geogr. Meilen) Areal. Zwischen diesen gewaltigen Feldern
sind andererseits auch Wacken, offene Stellen von etwa gleicher Gröfse, möglich,
In der Dänemark - Straße aber kommt das Eis nur in relativ kleineren
Stücken vor; es hat gröfstentheils schon eine lange Reise hinter sich und ist
der vernichtenden Einwirkung der Lufttemperatur und des Seeganges schon lange
ausgesetzt. Weder beim Ansegeln noch beim Verlassen von Angmagsalik fand
Ryder 1892 Eisfelder, die einen Durchmesser von mehr als etwa 60 m gehabt
hätten: es war dies freilich im September, wo die Schollen am kleinsten sind.
irgend eine regelmäßige Periodicität in den Kisverhältnissen dieses
Gebietes läßt sich auf Grund der behandelten Jahrgänge nicht angeben; wenn
eine solche vorhanden sein sollte, so müfsten jedenfalls die Beobachtungen viel
reichlicher vorliegen, um sie ausfindig zu machen. KEs sind auch aufserdem in
“8 das Citat oben S. 314.