314 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1897.
ein Zeitraum, der eine befriedigende, wenn auch noch nicht durchweg genügende
Grundlage schafft.
In diesen Annalen sind zuletzt 1887') über die KEisverhältnisse Islands
(und nur Islands) Mittheilungen gebracht worden, welche sich auf die Forschungen
des isländischen Geographen Thoroddsen stützten,
Wie die drei Kärtchen erkennen lassen, bespricht Ryder, dem wir in
dem nachstehenden Text folgen, die Eisverhältnisse von Angmagsalik an der
Südostküste Grönlands bis nach Spitzbergen hinauf; ungefähr in der Mitte des
(Gebietes liegt das einsame Jan Mayen. Island selbst kommt weniger in Be-
tracht, es wird auf Thoroddsen hingewiesen. In dem Original ist jedem der
16 Jahre eine Karte gewidmet, auf welcher die in den einzelnen Monaten beob-
achteten Eisgrenzen eingetragen sind; die nothwendige Beschränkung im Raum
führte uns zu einer Umarbeiiung, bezw. Reduktion, indem wir für die drei Monate
März, Mai und Juli die innerhalb des 16jährigen Zeitraumes auf jeder einzelnen
Wegesstrecke beobachtete östlichste und westlichste Kisgrenze eintrugen,
mit Angabe der Jahreszalıl, so dafs man gleich sehen kann, bis wie weit jemals
nach Osten irgendwo das HKis yvorgedrungen, und andererseits, welches die ge-
ringste östliche Ausdehnung gewesen ist, Durch Uebereinanderlegen der Grenzen
in den gesammten 16 Jahren ergab sich eine mittlere Monatsgrenze der Kis-
verbreitung; doch möchten wir auf diese Linie vergleichsweise wenig Gewicht
legen, weniger jedenfalls als auf die mit „östlichste Grenze“ bezeichnete Linie. —
Im März beginnt in diesen Gegenden langsam die Schiffahrt, zunächst
seitens der Walfänger; mit Ende Juli aber ist das Kis in den meisten Fällen
soweit zurückgewichen, dafs es für die Schiffahrt nach den meist besuchten
Küsten seine gefährliche Bedeutung verloren hat; daher die Auswahl der Monate
März, Mai, Juli. Beginnen wir im Süden, so hält in den ersten Monaten
des Jahres die Bisgrenze im südlichen Theil der Dänemark-Strafßse eine West—
Ostrichtung ein, erst etwa 65° N-Br folgend, zuletzt aber nach NO zum Kap Nord
auf Island aufbiegend, so dafs also die Westküste Islands zwar eisfrei bleibt,
aber doch das Eis nahe hat. An der grönländischen Küste ist die KEisbarriere
am schmalsten meist in der Gegend von Angmagsalik.
Von Kap Nord an geht die Eisgrenze weiter in Südostrichtung aufserhalb
der Skagestrands-Bucht und folgt dann der isländischen Nordküste ungefähr bis
Melrakke, und zwar in einem Abstand von der Küste, welcher in den ver-
schiedenen Jahren sehr verschieden ist (worüber nachher noch Einiges zu sagen
sein wird). Von Island aus verläuft die Eiskante nach NO, östlich von Jan
Mayen vorbei in 40 bis 60 Sm Abstand und schneidet den Greenwicher Meridian
unter 71° bis 72° Breite. Zwischen 72° und 74° Breite bildet sich meist eine
charakteristische Spitze im Verlauf der Eisgrenze aus, eine Art vorgeschobener
Posten, welcher am weitesten ostwärts dringt, bis 0° und 5° O-Lg. Von da an
zieht sich die Eisgrenze wieder etwas zurück, erst in Nordnordwestrichtung, dann
in Nordrichtung, bis ziemlich 78° N-Br erreicht wird, wo dann das KEis ost- und
südostwärts hinüber bis zu Spitzbergens Westküste sich erstreckt.
Auch im Mai ist der Verlauf dieser Eisgrenze im Grundzug noch der-
selbe, nur liegt die Grenze durchschnittlich etwas weiter westlich, so dafs Jan
Mayen in vielen Jahren schon um diese Zeit erreicht werden kann. Andererseits
ist freilich gerade im Mai das Vordringen nach Osten manchınal am bedeutendsten,
wie die Karte zeigt; in den Jahren 1882 und 1891 lag Jan Mayen etwa 180 Sm
innerhalb des KEisgürtels. Unter dem Kinflufßs der verschiedenen Winde kann
sich die Eisgrenze auch in demselben Jahre schnell verschieben. aber grofs sind
diese Unterschiede nicht.
Im Juni beginnt der entschiedene Rückzug des Kises in westlicher
Richtung, wenigstens zwischen Island und Spitzbergen, und zwar mit zunehmender
Geschwindigkeit, so dafs im Juli die mittlere Grenze schon westlich von Jan
Mayen liegt.
Es beträgt demgemäfs auf 70° N-Br die Verschiebung des Eises in der
Richtung Ost — West vom März bis Ende Juli mindestens 200 Sın, bis Ende
August, Anfang September etwa 250 Sm; zu letzterer Zeit hat der grönländische
Eisgürtel seine geringste Breite.
\ 15. Jahrgang, 1887, S. 275—277