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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

310 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1897. 
keinerlei Bewegung im Wasser entsteht, so wird der Uebergang des Wassers 
in Dampf hintangehalten; ein geringer Anstoß, etwa das Oeffnen des 
Drossel- oder des Sicherheitsventils, bewirkt dann eine plötzliche Dampf- 
antwickelung aller derjenigen Wassertheilchen, die bei normalem Verlauf 
während der Dauer der Verzögerung in Dampf übergegangen sein würden, und 
kann infolge der erheblich gröfseren Raumerfüllung des Dampfes gegenüber dem 
Wasser als Explosion die Zerstörung des Kessels herbeiführen. Die Erscheinung 
tritt nie auf bei bewegten Kesseln; sie wird verhindert, sobald während des 
Erwärmens durch Austreten von Luftbläschen eine Bewegung in der Masse ver- 
arsacht wird; es besteht daher eine Anweisung für die Kesselwärter, wenn Wasser 
im Kessel sich befindet, das durch Sieden luftfrei gemacht war, dasselbe durch 
Oeffnen der Ventile zunächst wieder mit Luft zu tränken. Auch experimentell 
ist dieser Vorgang herbeizuführen. 
Ein ähnliches Verhalten des Wassers ist nach der entgegengeseizten Seite 
hin, beim Uebergange in Eis, beobachtet. Wasser in einem Glase in vollständiger 
Ruhe dem Frost ausgesetzt, kann auf mehrere Grade unter Null abgekühlt werden 
und geht erst bei einer geringfügigen Erschütterung plötzlich — scheinbar durch die 
yanze Masse — in Eis über. Da das Eis nur einen wenig gröfseren Raum ein- 
nimmt als Wasser, so tritt der Uebergang hier nicht wie bei der Dampf- 
entwickelung explosiv auf, wenigstens nicht in einem offenen Gefäfse. Ob auch 
beim Uebergang von Dampf in Wasser oder von Eis in Wasser ähnliche Er- 
scheinungen beobachtet worden sind, ist mir nicht bekannt; wenngleich die 
Wahrscheinlichkeit für sie spricht, so dürfte doch ihre Herbeiführung durch 
Experiment schwierig sein. 
Eine Erklärung für diese Verzögerung des Ueberganges aus einem 
Aggregatzustande in den anderen wird aus der Molekulartheorie zu entnehmen 
sein. Der Regel nach findet unter ganz bestimmten Temperatur- und Druck- 
verhältnissen der Uebergang oder richtiger Uebersprung in die dem anderen 
Aggregatzustande entsprechende Lagerung und Bewegung der Moleküle statt. 
Abgesehen von den sichtbaren Uebergängen — für Wasser bei 0° und 100° unter 
dem Drucke einer Atmosphäre —, findet an der Oberfläche des BEises sowohl 
wie des Wassers ein fortwährendes Abstofßsen von Molekülen in den angrenzenden 
Raum, die Verdunstung, statt, deren Gröfse der Aufnahmefähigkeit dieses Raumes 
entspricht. Es scheint nun, daß die plötzlichen Sprünge in der Lagerung und 
Bewegung der Moleküle oder das Abstoßen letzterer von der Oberfläche hintan- 
gehalten wird, wenn es an einer äufseren Erschütterung der Masse fehlt. 
Hier interessirt uns nur der Uebergang des Wassers in Dampf und um- 
gekehrt, von dem daher im Folgenden auch allein gesprochen werden möge. 
Die Luft — richtiger der an die Wasserfläche grenzende Raum — nimmt 
bekanntlich je nach der im Raum herrschenden Temperatur verschiedene Mengen 
ron Wasserdampf in sich auf, bei höherer Temperatur mehr, bei niederer 
weniger. Wird die mit dem unsichtbaren Wasserdampf gesättigte Luft ab- 
gekühlt, so wird einem Theil der in der Luft suspendirten Wasserdampfmoleküle 
die zur Erhaltung des Gaszustandes erforderliche kinetische Energie entzogen, 
and dieser geht in den tropfbar-flüssigen Zustand über; bei der weiten Vertheilung 
dieser Wassermoleküle in der Luft vereinigen sich die flüssigen Theilchen zunächst 
zu Bläschen, die sichtbar sind und zunächst den Dies oder Dak bilden, der sich 
weiterhin zu Nebel etc. verdichtet. Tritt nun bei diesem Zustande der Luft- 
schicht Erwärmung ein, so geht das Wasser dieser Bläschen wieder in Gasform 
über; es wird unsichtbar, die Luft wird wieder klar. Weiterhin giebt bei fort- 
schreitender Erwärmung auch die Oberfläche des Wassers oder des feuchten Bodens 
durch Verdunstung Wasserdampf ab. Das Gleiche tritt ein, wenn durch Ver- 
minderung des Luftdruckes der entsprechend ausgedehnte Raum für Wasserdampf 
aufnahmefähiger wird. 
Es liegt nun kein Grund vor, zu bezweifeln, dafs die beim Sieden 
heobachtete anormale Verzögerung beim Uebergang des Wassers in Dampfform 
ınter entsprechenden Verhältnissen, u. A. bei äufserer Ruhe, auch bei der Ver- 
dunstung eintreten kann. Auch hier werden dann diejenigen in den Nebel- 
„läschen vorhandenen Wassertheilchen, welche bei normalem Verlauf, entsprechend 
der zugeführten Wärmemenge oder der Abnahme des Druckes, bereits hätten in 
Dampf verwandelt sein müssen, bei irgend einer Erschütterung. oder mangels
	        
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