Lieckfeldt: Versuch zur Erklärung der Mistpoeffers, Seeschielsen u. s. W. 309
(auf Deutsch etwa Seerülpse). Sieht man von Angaben ab, welche entweder
unbestätigt oder durch menschliche Thätigkeit veranlafst sind, so bleiben als
charakteristische Merkmale der Erscheinung die folgenden: ;
Es wird ein Geräusch vernommen, das entferntem dumpfen Gewitter-
oder Geschützdonner ähnlich, aber doch davon wohl unterscheidbar, oft mit
physischem Unbehagen und Einwirkung auf die Nerven des Beobachtera ver-
bunden ist.
2, Das Phänomen wird auf dem Meere, auf Binnenseen und in feuchten
Niederungen oder Thälern wahrgenommen; die Stelle, aus der es kommt, kann
in der Regel nicht genau bezeichnet werden, oft scheint es von allen Seiten,
immer aber mehr von unten, von der Wasseroberfläche zu kommen.
3. Es tritt zu allen Tageszeiten, hauptsächlich aber gegen 3 Uhr Nach-
mittags, oft auch gegen Morgen auf, fast stets in den Monaten Mai bis September,
fast niemals im Winter.
4. Es entsteht nur bei ruhiger, dunsterfüllter, meist schwüler Luft.
5. Es gilt bei den Seeanwohnern als Vorbote des Wetterumschlags, meist
nahenden Unwetters, in der Schweiz des Föhns, ist also wahrscheinlich oft mit
starker Aenderung des Luftdrucks verbunden. ;
6. An Binnenseen (Bodensee, Wettersee etc.) wird gleichzeitig mit dem
Schall ein plötzliches Aufwallen des Wassers, an der Ostsee eine auf den Strand
auflaufende. und von allmählich schwächer werdenden Schwankungen gefolgte
Welle, unter Umständen — Lagrange in Nieuport — eine Erschütterung des
Bodens, auch des Schiffes, beobachtet. (Dafs am offenen Meere dieser Begleit-
erscheinung nicht Erwähnung gethan wird, dürfte darauf zurückzuführen sein,
dafs dort selbst bei Windstille stets eine Dünung läuft und dafs der Strand in-
folge des Wechsels der Ebbe und Fluth keine so scharfe Grenze hat wie an der
Ostsee; bei letzterer ist der ziemlich steil ansteigende Strand der Ausbildung
der Wellenhöhe ohne Schwächung ihrer Kraft besonders günstig.)
7. Gleichzeitig mit dem Geräusch sind ganz unvermittelte, abrupte
Schwankungen des Barometers beobachtet (vgl. „Neue Zürcher Zeituug“ No. 174,
I. Abendblatt).
Wenngleich — wie auch in dem Aufsatze über Mistpoeffers in Heft IV
laufenden Jahrganges dieser Annalen ausgesprochen ist — das vorhandene
Material nicht ausreicht, die Vorbedingungen zweifelsfrei festzustellen, und daher
auch eine durchaus einwandfreie Erklärung vorerst noch nicht zu erwarten ist,
so dürften doch die nachstehenden Betrachtungen dazu dienen, die weiteren
Forschungen in engere Bahnen zu leiten. Ks scheint nämlich aus den vor-
liegenden Beobachtungen Folgendes mit hinreichender Sicherheit hervorzugehen:
a) Die Erscheinungen sind auf einen explosiven Vorgang von großer
Ausdehnung und geringer Intensität zurückzuführen, durch welche sowohl die
Luft als auch das Wasser in Schwingungen versetzt werden. ;
b) Das Phänomen hat seinen Ursprung in einer Zone des Luftmeeres
nahe der Oberfläche des Wassers oder des nassen Bodens.
c) Es tritt zu Zeiten auf, in welchen sowohl der relative als auch der
absolute Feuchtigkeitsgehalt der Luft seinen Höchstwerth hat, und zwar bei
diesiger Luft, deren Zustand dem Thaupunkte des Wassers unter den vorliegenden
Temperatur- und Druckverhältnissen nahe ist. ;
d) Das Phänomen wird durch Sonnenstrahlung und durch Wechsel des
Luftdrucks begünstigt.
Ich stelle nun die Hypothese auf: Bei der Verdunstung der Nebel-
bläschen‘) tritt, ebenso wie beim Sieden festgestellt ist, unter ge-
wissen günstigen Verhältnissen die Erscheinung des Siedeverzuges
ein — höchstwahrscheinlich auch umgekehrt beim Beginn der Nebel-
bildung eine Hintanhaltung des Niederschlagens. Es sei gestattet
diesen Gedanken weiter auszuführen,
Im Dampfkesselbetriebe ist eine Anormalität in der Dampfentwickelung
bekannt, welche als Ursache von Kesselexplosionen gefürchtet wird, der so-
genannte Siedeverzug. . Wenn nämlich bei geschlossenen Ventilen Wasser, das
zuvor durch Sieden luftfrei gemacht war, im Kessel angewärmt wird, derart, dafs
1.
) Richtiger ist der Ausdruck „Nebelkörperchen“, D. Red.