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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1897.
Bemerkenswerthe Aenderung der Deviation des Regelkompasses
des Dampfers „Phoenicia‘““ während des ersten Fahrtjahres.
Von Admiralitätsrath KOLDEWEY.
(Hierzu Tafel 1.)
Bei Durchsicht der in letzter Zeit eingegangenen Deviationsjournale zeigte
sich für den Regelkompafs des Dampfers „Phoenicia“, Kapt. Leithäuser, während
der ersten Reisen trotz einer günstigen Aufstellung des Kompasses eine so
bemerkenswerthe und grofßse Aenderung in der Deviation, dafs es wünschens-
werth erschien, durch eine genaue Diskussion der sehr sorgfältig ausgeführten
Beobachtungen den Ursachen dieser Aenderungen näher nachzuforschen. Die im
Nachfolgenden gegebenen Resultate dieser Diskussion enthalten einen weiteren
Beitrag zu unserer Kenntnifs der Aenderungen des Schiffsmagnetismus und
dürften um so mehr von allgemeinem Interesse sein, als die Ableitung der
einzelnen Induktionskoefficienten wegen der geringen Breitenyeränderung des
Schiffes auf seinen regelmäfsigen Fahrten von Hamburg nach New York nicht
durch die gewöhnliche schematische Methode, sondern nur durch eine geschickte
Kombination der . Gleichungen, unter Berücksichtigung der bereits vorliegenden
Erfahrungen in der Behandlung dieser Art der magnetischen Beobachtungen, zu
ermöglichen war,
Die „Phoenicia“ (Größe 7155 Reg.-Tons) wurde im Jahre 1894 auf der
Werft von Blohm & Vofs in Hamburg aus Stahl gebaut, Baukurs nahezu
magnetisch Süd. Das Schiff lief am 15. September vom Stapel und lag zunächst
entgegengeseizt dem Baukurse mit dem Kopf nach Norden bis zum 30. September,
sodann vom 30. September bis 4. November nach Ost, vom 4. November bis
23. Dezember nach Süd und vom 23. bis 29. Dezember nach West.
Am 29. Dezember machte das Schiff seine Probefahrt auf der Unterelbe,
und wurden bei dieser Gelegenheit die Kompasse regnlirt. Der Regelkompafs,
ein Azimutkompafs mit Rose in Seidenfädenaufhängung, Patent Hechelmann,
steht 1,1 m über dem aus Holz gebauten Kartenhause etwas hinter und über
der Kommandobrücke in einer Kntfernung von 10m vom Schornstein; das
Geländer und die Stützen auf dem Kartenhause sind aus Messing. Der Kompafs
hat demnach die denkbar günstigste Aufstellung, frei von allen Eisenmassen und
in grofeer Höhe über dem Schiffskörper und den eisernen Aufbauten über den
Decken, Aus Deviations- und Intensitätsbeobachtungen auf westlichem Kurse
ergab sich denn auch eine verhältnifsmälsig geringe Gröfse der Deviations-
koefficienten der halbkreisartigen Deviation. Es wurde annähernd B = + 8°,
C=—-+5° gefunden, B entsprechend dem Baukurse und C entsprechend der fünf
Wochen dauernden Lage auf Ostkurs. Der Koefficient © wurde wegen seines
geringen Betrages und des Umstandes, dafs derselbe nur von dem nach dem Stapellanfe
aufgenommenen remanenten Magnetismus herrühren . konnte, nicht kompensirt,
dagegen wurde es für zweckmäfsig erachtet, den Koefficienten B durch einen
Magnet zu kompensiren, in der Meinung, das Schiff habe nach dem Stapellaufe
eine längere Zeit entgegengesetzt dem Baukurse mit dem Kopf nach Nord
gelegen, wie dies sonst bei der Werft von Blohm & Vofs üblich war. Es
durfte deshalb angenommen werden, dafs dieser Koefficient nicht wesentlich mehr
abnehmen werde. Wie die späteren genauen Erkundigungen ergaben, war diese
Meinung indefs eine irrige, indem thatsächlich das Schiff noch sieben Wochen,
bis wenige Tage vor der Regulirung der Kompasse, mit dem Kopf nach Süden
gelegen hatte. Dem Umstande ist auch ohne_Zweifel die während der ersten
Reise beobachtete starke Aenderung im Koeficienten B zuzuschreiben.
Der Krängungskoefficient u wurde trotz der großen Höhe des Kompafsortes
über den Decken und eisernen Schotten von ziemlich beträchtlicher Gröfse,