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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1897.
Das Gehäuse mit dem Schwimmholz wurde in der Poros-Bai vertikal ins
Wasser beim Kai versenkt und dort befestigt; ein an dem Orte befindlicher
Schuppen schützte den Fluthmesser vor Regen, Daneben wurde im Hafen ein
Pegel befestigt, damit man auf die Fluthkurve die absolute Höhe des Wasser-
standes auftragen könne. Die Anfertigung des Gehäuses sowohl als das Auf-
stellen des Fluthmessers verlangten nur 24 Stunden, so dafs am zweiten Tage
nach Ankunft der Fluthmesser in Poros einer von ihnen schon in Thätigkeit
war und dabei durchaus regelrecht funktionirte. Mehr als dieses; er funktionirte
richtiger als der im Golf von Korinth solid aufgestellte Fluthmesser, weil dort
sein Schwimmer empfindlich war für die Bewegung der Meeresoberfläche, welche
den Stift sich auf und ab zu bewegen zwang, wodurch die feineren Biegungen
der Kurve verwischt wurden. Bei der soeben von mir angeführten Art des Auf-
stellens wirkt die Bewegung des Wassers auf den Schwimmer nicht zurück,
weshalb also die Fluthkurve sehr klar hervortritt.
Sobald wir den Fluthmesser aufgestellt hatten, wurde im Laufe der ersten
Stunden nieine Aufmerksamkeit dadurch erregt, dafs das Niveau des Meeres,
welches uns fast konstant erschien, Schwankungen, und zwar recht ausgesprochene
ausführte; anfangs glaubte ich, daß dies ein Zufall sei, als aber später die Fluth-
kurve für 24 Stunden vorlag, erwies es sich, dafs die in der ersten halben Stunde
bemerkten Schwankungen nicht zufällig gewesen, sondern dafs sie im Gegentheil
yanze 24 Stunden anhielten und die Höhe eines Fufses erreichten, Aehnliche
Schwankungen wiederholen sich täglich 20 bis 30 mal. Dieses Resultat erregte
in mir die Hoffnung auf eine ganze Reihe höchst interessanter Versuche längs
der beiden Ufer des Kanals von Euripos. Ich knüpfte sofort alle für die bevor-
stehenden Untersuchungen nothwendigen Verbindungen an, aber politische Er-
eignisse machten diesen Arbeiten ein Ende. Das Mittelmeer-Geschwader erhielt
den Befehl, sich sofort in den Stillen Ocean zu begeben. Die Fluthmesser,
welche nur drei Tage thätig gewesen, wurden an den Kanal von Korinth ab-
geliefert, und die Schiffe machten sich eilig auf den Weg nach ihrem Bestimmungs-
ort. Es trat eine Zeit ein, wo alle Gedanken auf militärische Fragen gerichtet
werden mußten. Im April waren bereits zwei russische Geschwader an den
Küsten Japans, welche bis Juli in Tshifu blieben, bereit, die Forderungen
anserer Regierung zu unterstützen. Erst im Herbst wurde ich frei genug, um
einen Theil meiner Zeit hydrologischen Arbeiten widmen zu können — doch
davon später.
Selbstverständlich konnten alle Gesetze der Niveauschwankungen des
Mittelländischen Meeres in drei Tagen nicht festgestellt werden; eines jedoch
wurde klar, nämlich dafs das Niveau der Gewässer des Archipels zahlreichen
Schwankungen unterliegt. Aus dem Charakter dieser Schwankungen ergiebt es
sich zweifellos, dafs sie nicht vom Winde oder von der Differenz des Luftdruckes
herrühren; an den Beobachtungstagen gab es fast keinen Wind und keine
bedeutenden Schwankungen des Barometerstandes,
Die beobachteten Schwankungen des Wasserstandes müssen durch Wirkung
von Ebbe und Fluth erklärt werden, diese aber treten nur zwei- und nicht
zwanzigmal täglich ein. Im Mittelländischen Meer giebt es eine Fluthwelle;
diese Welle tritt in den Archipel durch verschiedene Strafsen ein, und diese
Theilung bewirkt, dafs statt einer Fluthwelle im Archipel sich mehrere erweisen,
Da die Länge des Weges, den diese Wellen zurücklegen müssen, verschieden
ist, so kommen sie nicht zu gleicher Zeit an, und statt einer grofßsen Fluthwelle
zeigen sich an jedem gegebenen Ort mehrere kleine.
Dem Kanal von Euripos nähern sich einerseits Wellen von SO und andere
von NW, welche zuvor die ganze Insel Euböa umgehen. Die Mannigfaltigkeit
in Bezug der gegenseitigen Lage von Sonne und Mond kann den Fluthwellen
verschiedene Größe und Gestalt verleihen. Wellen verschiedener Größe
werden beim Durchgang durch Engen in verschiedener Weise aufgehalten; zieht
man in Betracht, daß an verhältnifsmäfsig seichten Stellen auch der Wind auf
die Bewegung der Welle Einflufs übt, so kann man sich einen Begriff von der
Mannigfaltigkeit der Schwankungen des Wasserstandes diesseits und jenseits der
Enge von Euripos machen. Schwankung des Wasserstandes ruft Aenderung der
Strömung hervor, welche letzteren, infolge der Mannigfaltigkeit dieser Schwan-
kungen, durchaus unberechenbar erscheinen.