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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1897.
ziemlich gut durch kleine Stangen mit je einer kleinen rothen Flagge, an der
St. B. - Seite durch Stangen mit schwarzen bezw. weißen Flaggen, Besen und
kleinen rothen oder schwarzen Fafstonnen gekennzeichnet. Es ist unmöglich für
Jemanden, der nicht ganz genau mit den Verhältnissen des Fahrwassers von
Onega bekannt ist, allein ein- oder auszugehen, da die Zeichen für dasselbe sehr
klein und daher schlecht auszumachen sind und das Vorhandensein derselben
nicht verbürgt werden kann. Aufserdem ist das Fahrwasser schmal und krumm.
Nach Aussage der Kaufleute in Onega und der Leute, die uns als Lootsen
dienten, soll die Barre vor der Flufsmündung aus Sand bestehen und bei Hoch-
wasser einen Wasserstand von 12 Fuß (3,6 m) haben. Wir haben ausgehend
ununterbrochen gelothet und als geringste Wassertiefe bei zwei aufeinander
folgenden Lothwürfen 13 Fufßs (3,9 m) gefunden. Bei dem nächsten Lothwurf
betrug die Wassertiefe schon wieder 14 bis 15 Fufs (4,2 bis 4,5 m), soviel wie
vor der flachsten Stelle.
Auf dem Ankerplatz im Hafen von Onega, woselbst über Sandboden eine
Wassertiefe von 14 Fuß (4,2 m) und Platz genug für ein Schiff zum Schwaien
hinter einem Anker vorhanden sein soll, fanden wir nur 12 Fufs (3,6 m) Wasser-
tiefe und einen steinigen Boden, wenn auch ohne einzelne hervorragende Steine.
Nachdem aber das Schiff hinten bis etwas über 11 Fufs (3,3 m) weggeladen war,
kam es beim Schwaien nach Nord hinten auf Steine zu sitzen, auf denen die
Wassertiefe kaum mehr als 10 Fuß (3,0 m) betrug. Es wurde daher etwa 300 m
weiter aufwärts gedampft, woselbst eine gröfßsere Wassertiefe vorhanden war
und das Schiff später mit einem Tiefgange von 11'/2 Fufs (3,5 m) nicht wieder
den Grund berührte. Der beste Ankerplatz ist eben oberhalb der Linie vom
Zollamt im Norden nach dem Holzlager im Süden des Hafens. Die Südseite
des Hafens ist sehr flach und läuft bei Niedrigwasser eine weite Strecke trocken,
um dann ziemlich steil abzufallen. Mehrere hohe Steine sind bei Niedrigwasser
sichtbar. Es ist am besten, etwas näher der Süd- als der Nordseite des Hafens
zu ankern, weil sich das Riff an der letztgenannten Seite am weitesten hinaus
erstreckt. Ein russischer Dampfer, der an der Stadt Stückgüter löschte, gerieth
mit einem Tiefgange von ca 11 Fufs (3,3 m) beim Schwaien nach Nord auf Grund
and blieb zwei Stunden festsitzen, während er nach Süd herum jedesmal frei
schwaite.
Nach Aussage unseres Abladers wird das Fahrwasser jeden Sommer von
den Steinen, die im Frühjahr mit dem aufbrechenden Eise vom Ufer losgerissen
werden und versinken, soviel als möglich gereinigt. Man darf aber nicht mit
anbedingter Sicherheit auf einen vollkommen reinen Boden im Fahrwasser
rechnen. Die Schiffe sollten daher eigentlich niemals in den Hafen von Onega
hineingehen, zumal da man auf der Aufsenrhede fast immer laden kann, und
zwar ebenso schnell als im Hafen. Es kann sogar vorkommen, dafs die Schiffe,
welche ihre Ladung draufsen einnehmen, rascher fertig werden, als diejenigen,
welche zu diesem Zweck in den Hafen einlaufen, wenn nämlich ein frischer west-
licher Wind weht und infolge des durch ihn hervorgerufenen Seeganges die
kleinen Zeichen des Fahrwassers für die tiefgehenden Schiffe südlich. und westlich
der Insel Kio nicht zu sehen sind. ‚Alsdann müssen die Schiffe unfreiwillig im
Hafen verbleiben, während die Leichter mit den Ladungen für die draufsen
ladenden Schiffe mit Sicherheit östlich von der Insel Kio hinausfahren können.
Bei unserer Ankunft lagen bereits sechs gröfsere Dampfer auf der Rhede
von Onega, welche für die „Onega Wood Company“, von der auch wir befrachiet
waren, luden. Auf Vorschlag des an Bord gekommenen Vertreters unserer
Verladerin beschlofs ich, in den Hafen einzulaufen, und zwar aus dem Grunde,
weil nur noch zwei kleine, ausschliefslich für den Verkehr im Hafen verwendbare
Leichter zur Verfügung standen, und wir bei einem Wasserstande von 12 Fufs
(3,6 m) auf der Barre unsere halbe Ladung im Hafen einnehmen konnten,
Hierdurch konnte unsere Abfertigung wesentlich beschleunigt werden. Aufser-
dem fing es von NW stürmisch an zu wehen, so dafs voraussichtlich in der
nächsten Zeit doch nicht auf der Rhede gearbeitet werden konnte. Von den
drei in Aussicht gestellten Leichtern waren aber zwei untauglich. Durch das
Einlaufen in den Hafen haben wir eher einen Verlust als einen Vortheil gehabt.
Die Schiffe auf der Rhede haben während der ganzen Zeit ununterbrochen laden
können. Im Ganzen benöthigten wir zum Laden volle neun Tage, was. haupt-