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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1897.
Der Einfluls des Windes und des Luftdruckes auf die Gezeiten.
Der Einflufßs des Windes und des Luftdruckes auf die Gezeiten hat schon
manchmal den Gegenstand werthvoller Untersuchungen gebildet und sowohl in
wissenschaftlichen wie in praktischen Kreisen lebhaftes Interesse erregt.
Vor Allem ist diese Frage für Seeleute von grofser Wichtigkeit. Die
Sorgfalt und die Kosten, welche alle gebildeten Nationen auf die Herstellung
guter Gezeitentafeln verwenden, zeigen, dafs diese für die Navigation von grofsem
Nutzen sind, was wegen der hohen Forderungen des internationalen Verkehrs in
Bezug auf schnelle und sichere Fahrt Niemand Wunder nehmen kann.
Die Daten, welche in den Gezeitentafeln vorkommen, beziehen sich haupt-
sächlich auf astronomische Einflüsse; es sind darin aufgenommen die Zeit und
die Höhe der Tide, welche zu erwarten sind infolge des relativen Standes der
Sonne, des Mondes und der Erde, und welche im Allgemeinen gültig sind für
mittlere meteorologische Zustände.
In Wirklichkeit ist es jedoch anders. Wind und Luftdruck sind sehr
verschieden und veranlassen mehr oder weniger bedeutende Unterschiede zwischen
den wahrgenommenen Zeiten und Höhen des Wassers und den Zahlen der
Gezeitentafeln.
Ebenso wie die Schiffahrt an guten Gezeitentafeln interessirt ist, ist es
für die Lootsen und Kapitäne wünschenswerth, die Abänderungen zu kennen,
welche die Gezeiten vom Winde und Luftdruck erleiden, weil es vielleicht von
diesen Abänderungen abhängen kann, ob es möglich sein wird, zu einer gewissen
Zeit eine Barre oder Untiefe zu passiren.
Bis jetzt besteht aber keine Formel, welche es ermöglicht, bei bekannter
Windstärke, -Richtung und Barometerstand die entsprechende Korrektion an die
Zahlen der Gezeitentafeln anzubringen.
Einer der ersten Sachverständigen, welche die Aufmerksamkeit auf den
Einfluls des Windes auf die Gezeiten gerichtet haben, war der Wasserbauinspektor
Hugo Lentz in seinem bekannten Werke: „Fluth und Ebbe und die Wirkungen
jes Windes auf den Meeresspiegel“, in welchem viele wissenswerthe Bemerkungen
vorkommen, die eine gute Einsicht in den allgemeinen Charakter dieser Kin-
wirkung geben.
Aus der letzten Zeit datiren die interessanten Artikel über den Kinflufs
von Stürmen auf den Seestand, welche im Jahrgang XV, No. 7 und 8, des
„Centralblatt der Bauverwaltung“ von Prof. Bubendey und in No. 37 desselben
Jahrganges von Prof. Möller veröffentlicht sind, auf welche Artikel in Heft IV,
Jahrgang 1896, dieser Annalen hingewiesen ist.
Indem die genannten deutschen Schriftsteller sich also mit der Wirkung
des Windes beschäftigen, ist in Frankreich die Aufmerksamkeit mehr auf den
Einfluß des Luftdruckes gerichtet.
In dem „Annuaire des Marces des Cötes de France“ findet man eine
Tabelle, nach welcher man für.jeden Millimeter Steigung der Quecksilbersäule
über ihren Normalstand von 760 mm die Höhe des Seestandes um 13 mm ver-
mindern soll. Diese Korrektion ist gültig für alle Häfen, und den Seeleuten
wird angerathen, die Korrektion anzuwenden. Sie wird jedoch vernachlässigt
für Barometerstände unterhalb 760 mm.
In England hat sich der Civilingenieur Wheeler gründlich mit dieser
Aufgabe beschäftigt, zuerst für sich selbst und nachher als Sekretär einer
Kommission, ernannt von der Versammlung der „British Association“ zu Ipswich,
Er untersuchte sowohl den Einflufs des Luftdruckes wie denjenigen des Windes,
loch gelangte er für Beides zu ziemlich unbefriedigenden Resultaten. Wie vom
Verfasser dieses im Wochenblatt „De Ingenieur“ vom 11. April 1896 gezeigt
wurde (eine Uebersetzung vom Baumeister von Horn findet man in Heft XII,
Jahrgang 1896, der Annalen), liegt die Ursache dieses Resultats in einer irrigen
Arbeitshypothese, und in Verbindung damit ist auch die gegebene Formel, nach
welcher die Aufwehung proportional der Fluthgröfse ist, entschieden falsch.