Dinklage: Treibeis beim Kap der Guten Hoffnung und im Indischen Ocean. 199
Alsdann ist es möglich, dafs man das nach links von Lee abtreibende kalte
Schmelzwasser schon wahrnimmt, vevor man in die unmittelbare Nähe des Eises
gelangt. Oft wiederholte Messungen sind natürlich nothwendig, besonders bei
gröfserer Fahrgeschwindigkeit des Schiffes. Unter sonstigen Umständen wird
man das kalte Wasser auch wohl finden, aber zu spät, wenn man das Eis schon
quer zu luvwärts hat, oder es schon passirt ist. Ein vor dem Winde segelndes
Schiff darf nicht erwarten, dafs es durch das Thermometer vor einem in der
Kurslinie befindlichen Eisberg rechtzeitig gewarnt werden wird. Immerhin sollte
man jedoch in Meeresstrichen, wo Treibeis vorkommt, den häufigen Gebrauch
des Wasserthermometers nicht unterlassen. Wenn man sich nicht in einer Gegend
befindet, wo durch das Zusammenstofsen kalter und warmer Meeresströmungen
Schwankungen der Temperatur hervorgerufen werden, wird man durch eine er-
hebliche‘ Abnahme der Wasserwärme doch immer darauf aufmerksanı gemacht,
dafs Eis sich in der Nähe befinden kann.
Die hauptsächlichsten Sicherheitsmafsregeln bleiben indessen: scharfer Aus-
guck und die Bereitschaft, sofort den Kurs zu ändern. Kapt. Gahde vom Schiffe
„Arethusa“ schreibt: „Als einziger Schutz‘ gegen Kollision mit Kis kann nur
ein scharfer Ausguck dienen, im dichten Nebel bei flauer Briese vielleicht auch
etwas das Gehör, denn das häufige Einstürzen der Wände eines Eisberges macht
ein Geräusch, das meilenweit zu vernehmen ist.!) Man führe bei unsichtigem
Wetter die Raaen etwas angebrafst, denn, wenn irgend möglich, sollte man wegen
der gefährlichen Eisbrocken in Lee der Berge stets luvwärts von den letzteren
passıren. Mufs zwischen Eisbergen hindurchgesegelt werden, so halte man aus
demselben Grunde die Leeseite der Durchfahrt. Bei etwas diesiger Kimm be-
merkte ich in der Dunkelheit über einigen Bergen etwas wie einen Blink in der
Luft, die Eisberge selber aber, obschon bei Tage schneeweifs, erschienen in der
Nacht schwarz. Nahebei mögen sie vielleicht als eine weiße Wolke in Sicht
kommen können.“
In ähnlichem Sinne äufsern sich viele Schiffsführer. Alle schildern die
abgelösten Eisbrocken, die an der Leeseite der Berge und oft in der weiten Ent-
fernung von mehreren Seemeilen treiben, als die gefährlichsten, da sie nur wenig
aus dem Wasser hervorragen und dunkel wie dieses aussehen, also schwer zu
erkennen sind. Bei ihrer oft ganz erheblichen Gröfse und Dicke können sie einem
Schiffe schweren Schaden zufügen. Das Aussehen des HEises bei Nacht wird von
den meisten Schiffsführern, ebenso wie von Kapt. Gahde, als dunkel angegeben,
nur bei Beleuchtung durch den Mond macht sich ein weißer Schein der Kisberge
bemerkbar. In Bezug auf das sonst wohl hervorgehobene zahlreiche Erscheinen
von Seevögeln, besonders der Eissturmvögel, als ein Zeichen der Eisnähe, be-
richten viele Schiffsführer das Gegentheil, Oft erwähnt wird das laute Krachen
im Eise und das Rauschen im Wasser, wenn grofse Stücke von den Eisbergen
abstürzen, oder letztere das Gleichgewicht verlieren und kentern. Die Kapitäne
Frerichs vom „Aeolus“ und Schnieders von der „Freya“ berichten, dafs der
Wind an der Leeseite der Berge immer sehr puffig wird, mitunter bis zur Stille
abflaut und dann wieder mit plötzlichem Stofse hart einfällt. Zu bemerken ist
noch, dafs in mehreren Fällen über Eisberge berichtet worden ist, deren Fuls,
wie an der darauf stehenden Brandung erkannt werden konnte, sich unter Wasser
noch eine ziemliche Strecke über den oberhalb des Wassers sichtbaren Theil
hinaus erstreckte, dafs der steile Abfall der Seiten des Berges sich unterhalb
der Wasserlinie, also nicht in derselben Weise fortsetzte. Dies warnt davor,
selbst an einen anscheinend ganz steilkantigen Kisberg zu nahe hinan zu gehen.
1} Ueber diesen Punkt lese man auch die Bemerkung im Bericht des Kapt. J. Bruhn
vom Dampfer „Essen“.