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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1897. 
vorher seine Richtung geändert hat oder wenn in höheren Breiten das Wasser 
in der Umgebung des Kises an und für sich eine so niedrige Temperatur hat, 
dafs fast kein Schmelzwasser entsteht. Bei beständigem Winde und in einem 
Meeresstriche, der einigermafsen warm ist, wird man jedoch wohl stets in Lee 
des Eises eine Erniedrigung der Wassertemperatur beobachten. 
Durch den Umstand, dafs das kalte Wasser in den meisten Fällen nur an 
der Leeseite des Eises gefunden wird, erklärt es sich auch, das die Temperatur- 
messungen so oft etwas Abweichendes oder ganz das Gegentheil von dem er- 
geben, was man erwartet hat. Wenn z. B. ein Schiff, vor dem Winde segelnd, 
an einer in seinem Kurse liegenden Reihe von ziemlich weit voneinander ent- 
'ernt treibenden Eisbergen oder Gruppen von Bergen vorüberfährt und vielleicht 
lie erste Gruppe bei Nacht oder dickem Wetter passirt, ohne sie zu sehen, so 
wird es zunächst, wenn es in Lee derselben gekommen ist, eine für den Beob- 
achter nicht erklärliche Abnahme der Temperatur finden. Dann wird die Tem- 
veratur wieder steigen und gegen die gewöhnliche Annahme auch mit Steigen 
fortfahren, wenn man sich der zweiten Kisgruppe, die gesichtet wird, von der 
Luvseite nähert. Erst wenn das Schiff die Leeseite derselben erreicht hat, wird 
das Wasser wieder kälter. Solche Schwankungen: Zunahme der Wasserwärme 
bei der Annäherung an das Kis, Abnahme bei der Entfernung von demselben, 
können sich dann noch mehrfach wiederholen, wenn noch mehr KEisberge im 
Kurse des vor dem Winde segelnden Schiffes treiben. Die Journale von Schiffen, 
welche auf dem Wege nach Indien oder Australien in den höheren Breiten des 
Südatlantischen und des Indischen Oceans mit westlichem Winde ostwärts fuhren, 
enthalten eine Reihe von Beispielen derartiger Beobachtungen, die manchen 
Schiffsführer in dem Glauben an den Einflufs des Eises auf die Temperatur des 
Wassers irre werden liefsen, 
Oft zeigt sich das kalte Wasser nur in einem Streifen, der nicht viel 
breiter ist als die Eismasse und der sich von der letzteren aus nicht genau nach 
Lee, sondern nach einer einige Striche weiter nach links liegenden Richtung 
erstreckt. Diese Richtungsablenkung entsteht, ebenso wie die des Windes vom 
Luftdruck-Gradienten, durch die Erdumdrehung. Kin auffälliges Beispiel dieser 
Erscheinung enthält das Journal des Schiffes „Caesarea“, das auf der Reise von 
Kap Horn vom 23. bis 28. März 1893 zwischen 51° S-Br, 46° W-Lg und 
47,8° S-Br, 49° W-Lg sich im Eise befand. Der Kapt. A. Cords schreibt: „Als 
wir im Eise waren, wurden beträchtliche Unterschiede in der Temperatur des 
Wassers nicht gefunden, auch nicht, wenn wir ganz nahe an der Lee- oder 
Luvseite der Berge vorbeipassirten. Das Thermometer fiel nie unter 6°}). 
Ein anderes Verhalten zeigte sich jedoch am Nachmittage des 27. März, als 
wir uns auf nordöstlichem Kurse einer sehr umfangreichen tafelförmigen KEis- 
masse näherten. Kurz bevor wir in Lee derselben kamen, wurde die Temperatur 
der Luft zu 8,4°, die des Wassers zu 7,9° abgelesen. Die erstere sank dann 
auf 6,5° und begann, als kein Eis mehr in der Windrichtung war, zu steigen. 
Die Wassertemperatur nahm während dieser Zeit nur um 0,3° ab, fiel aber 
rasch auf 4,1°, als die Mitte des Eises WSW peilte. Sie stieg erst wieder, und 
zwar sehr merklich, als wir das Eis in die Peilung SW gebracht hatten. Um 
4 Uhr nachmittags, nachdem wir kaum 8 Sm zurückgelegt hatten, betrug dieselbe 
schon 9,5°, und während der folgenden Wache fand eine weitere Zunahme bis 
12,3° statt.“ Der Wind war zur Zeit nach dem Journal WNW. Das sehr kalte 
Wasser befand sich demnach in einer Peilung der Kismasse 4 Striche links von 
der Windrichtung. 
Nach vorstehenden Ausführungen dürfte es also wohl möglich sein, die 
Anwesenheit .grof ser Kismassen vermittelst des Wasserthermometers zu erkennen, 
wenn man die beobachteten Temperaturen mit den für längere Zeiträme be- 
rechneten Mittelwerthen vergleicht. Ist man zu letzterem jedoch nicht im 
Stande, indem man keine physikalischen Karten besitzt, oder handelt es sich um 
vereinzelte Eisberge, so dürfte sich die Annäherung an das Eis nur unter gewissen 
Umständen rechtzeitig am Thermometer fühlbar machen, nämlich, wenn man, 
bei dem Winde oder mit seitlichem Winde segelnd, den Wind von St. B. hat. 
9 Das normale Mittel in 50° S-Br und 47° W-Lg im März ist ungefähr 3,5°. Mit 6° war 
lie Wassertemperatur durch die EBisnähe also sehon um 2,5° abgekühlt.
	        
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