Mistpoeffers,
[61
vlämischen Fischer nennen sie Zee — puff, die Franzosen renvoi oder hoquet de
mer, was „Aufstoßsen“ (Rülpsen) des Meeres bezeichnet, in demselben Sinne, wie
man von dem aus dem Magen kommenden Aufstofsen spricht. Auch der Name
bombes de mer kommt vor, ebenso Zeedoffers==Seeschlag, ferner Mistbommen =
Nebelhohlklingen. Auf den holländischen Feuerschiffen nennt man sie Gonzen =
Summen, auf den Lootsenfahrzeugen balken = blöken. Die Engländer nennen sie
paperbags.
Von der Küsten- und seefahrenden Bevölkerung wird das Auftreten der
Erscheinung als Anzeichen schönen Wetters angesehen, thatsächlich tritt sie sehr
häufig bei klarem nur wenig bewölktem Himmel und heilsem windstillen
Wetter auf, wenn infolge der starken Verdunstung eine leichte Nebelschicht (Dies)
am Meereshorizont liegt, und bei unbewegtem meist spiegelglattem Meere. Sie
wird demzufolge vorwiegend in den Sommermonaten beobachtet, am häufigsten
zwischen Mittag und 3* p, nachts ist sie nie gehört worden.
Herr van den Broeck hat die Erscheinung gelegentlich geologischer
Untersuchungen in der Campine, Belgien, im Jahre 1880 zuerst kennen
gelernt und beschreibt den Eindruck derselben folgendermafsen:
„Seit dem ersten Jahre meiner geologischen Forschungen im östlichen
Theile Nieder - Belgiens kamen mir mehrfach, namentlich während des Sommers,
Knalle zu Gehör, welche, von fernher kommend, kurz, ohne Rollen, etwas dumpf,
in mir den Eindruck des „noch nicht Gehörten“ hervorriefen und ebensowohl
unterirdischen Ursprunges sein als aus der Luft stammen konnten. Anfänglich
beschäftigte ich mich nicht weiter mit ihnen; ich nahm an, dafs sie das Echo
ferner Gewitter seien; ließ das Aussehen des Himmels nicht auf das Vorhanden-
sein von Gewittern schließen, so hielt ich die Töne für das Echo von Geschütz-
feuer. Allein die häufige Wiederkehr der Erscheinung, welche noch dazu häufig,
wenn auch nicht immer, an heifsen und schönen Tagen auftrat und in keiner
Hinsicht dem Rollen des Donners verwandt war, liefs mich die Ansicht aufgeben,
es handle sich um das Echo ferner Gewitter. Die Töne waren mir ebenso uner-
klärlich und außergewöhnlich wie meinen Begleitern; denn bei der bedeutenden
Entfernung unserer Arbeitsplätze von den Artillerie - Schiefsplätzen erschien die
Annahme, es handle sich um Kanonenschüsse, ausgeschlossen. ÜUeberdem giebt es
in der ganzen Gegend weder Bergwerke noch Steinbrüche, vielmehr besteht die-
selbe auf ungeheure Ausdehnung hin nur aus Ebenen und Sandhügeln; Wären
es zufällige Explosionen gewesen, so würde man in den Zeitungen davon gelesen
haben; andererseits waren sie auch nicht vereinzelt, sondern folgten sich meist in
Gruppen mit unregelmäfsigen Zwischenräumen an den Tagen, an welchen sie
hörbar waren. Sicherlich lag hier ein Geheimmnifs.“
Nachdem nun Herr van den Broeck durch Umfragen festgestellt hatte,
dafs diese Töne nicht nur auf dem Festlande, sondern auch an der Küste und
auf der Nordsee in den Hoofden bekannt und dort mit dem Namen Mistpoeffers
benannt seien, ging er daran, den Schleier des Geheimnisses zu lüften, Mit
Hülfe des Meteorologen am Brüsseler Observatorium, Herrn Dr. A. Lancaster,
stellte er das geschichtlich über die Erscheinung Bekannte fest, das wir im Aus-
zuge hier folgen lassen.
Schon der Kanzler Bacon (1561—1626) kannte diese geheimnifsvollen
Töne. In seinen Werken findet sich bei der Besprechung der Anzeichen, welche
auf Wind deuten, auch folgende Stelle:
„An extraordinary noise in the sky when there is no thunder is
due to wind“,
Demnach scheint das Phänomen bereits seit über 300 Jahren bekannt
zu sein.
Der Dichter Thomas Parnell (1679—1717) singt:
„A sound in air presaged approaching rain
And hbeast to cowert scud across the plain.“
In den „Recherches sur les phenomenes met6orologiques de la Lorraine“
führt Orly einen alten Wetterspruch an:
„Il y a presage de beau temps, si de tous les cötes on entend
bruits lointains“.
Boussingault erzählt: Am 9. Dezember 1827 in Vega di Supia hörte
man um 8!/a* p im Süden einen Knall. Erdbeben war mit dem Ton nicht
Ann. ad. Hydr. etc... 18972. Heft IV.