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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

Ansprache zur Feier des hundertsten Geburtstages Kaiser Wilhelms I, 151 
Den Prinzen von Preufsen traf damals das harte Los, sein Heimathland 
verlassen zu müssen, um der Wuth der aufgeregten Menge zu entgehen (22. März 
1848); erst am 4; Juni konnte er in die Heimath zurückkehren, bei welcher 
Gelegenheit er jene denkwürdige Rede an die ihn in Wesel begrüfsenden Offiziere 
hielt. Die Entwickelung der politischen Dinge innerhalb Deutschlands führte zu 
Ereignissen, welche nur durch Gewalt in ihren Folgen unterdrückt werden 
konnten, und der Aufstand in der bayerischen Rheinpfalz und Baden (im Sommer 
1849) erheischte Einschreiten der preufsischen Truppen unter dem Oberbefehl des 
Prinzen von Preufsen. Schon am 24. Juli konnte der Prinz von Preufsen dem 
Grofsherzog von Baden die gänzliche Niederwerfung des Aufstandes melden. 
Die Umsicht, welche der Oberbefehlshaber bei dieser schwierigen Lage bekundete, 
trug nicht wenig dazu bei, dafs die schweren Folgen, die sich aus dieser Er- 
hebung hätten ergeben können, erheblich abgeschwächt und die Gemüther ver- 
gleichsweise rasch wieder beruhigt wurden. Die Zeit der Reaktion, die nun in 
vollem Zuge hereinbrach, wurde von dem Prinzen von Preufsen, der von dem 
Verlauf der Dinge in Deutschland wenig erbaut war, zu den ernstesten Studien 
nicht nur auf dem militärischen, sondern auch auf dem staatsmännischen Gebiete 
benutzt. Die Schäden, welche in der Mobilisirung Preufsens gegen Oesterreich, 
die zu dem Vertrag von Olmütz führte, hervortraten, gaben dem Prinzen von 
Preufsen, der im Jahre 1854 zum Generaloberst von der Infanterie mit dem 
Range eines General-Feldmarschalls befördert worden war, gewichtige Winke für 
eine durchgreifende Reorganisation der Königlich preufsischen Armee. Die ge- 
wonnenen Erfahrungen sollten bald zu einer bedeutsamen Verwerthung kommen, 
als am 23. Oktober 1857 der Prinz von Preufsen mit der Stellvertretung des 
schwer erkrankten Königs Friedrich Wilhelm IV. betraut wurde. Ein Jahr 
später übernahm er die förmliche Regentschaft. Eine Ordre des Prinzregenten 
Wilhelm geht schon um diese Zeit auf die Reorganisation der Armee ein, die 
sich im Kriege Frankreichs gegen Oesterreich dadurch unverschiebbar gezeigt 
hatte, dafs die beabsichtigte Mobilisirung des preufsischen Heeres, um Oesterreich 
zu Hülfe zu kommen (14. Juni 1859), schwerfällig und nicht rechtzeitig durch- 
geführt werden konnte. Nach der für Oesterreich unglücklichen Schlacht von 
Solferino (24, Juni) und dem darauffolgenden Abschlusse des Friedens von Villa- 
franca war die Mobilmachung des preufsischen Heeres gegenstandslos geworden. 
Lassen Sie uns hier einen Augenblick auf die Entwickelung des Kinheits- 
gedankens in der schweren Zeit der Reaktion bis zum Tode Friedrich Wilhelms IV. 
(2. Januar 1861) zurückblicken, wobei wir erkennen müssen, dafs, unerachtet 
der scheinbar für die Einigung Deutschlands so ungünstigen Zeit, unablässig an 
der Verbreitung der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit dieser Einigung 
durch Wort und Schrift gearbeitet wurde, so dafs alle Schichten des deutschen 
Volkes — die gekrönten Häupter nicht ausgenommen — von der Nothwendigkeit 
einer starken einheitlichen Regierung, wenn Deutschland im Rathe der Völker 
nicht untergehen sollte, durchdrungen waren. Vielleicht trat dies in keinem Falle 
klarer hervor, als an dem Tage der Centenarfeier unseres unsterblichen Dichters 
Friedrich Schiller (10. November 1859). Damals wie heute feierte begeistert 
das ganze deutsche Volk in dem grofsen Dichter den Gedanken der Einigkeit 
und nicht blofs im Vaterlande selbst, sondern überall da in fremden Ländern, 
wo deutsche Bildung sich angesiedelt hatte. Es trat bei dieser Gelegenheit klar 
zu Tage, daß es nur eines Mannes bedurfte, der den Beruf und die Kraft in sich 
fühlte, das. Riesenwerk zu beginnen und zu einem glücklichen Ende zu führen, 
dafs man nur auf den Anstofs wartete, um das Werk in Angriff zu nehmen. In 
der Person des nunmehr den preufsischen Thron innehabenden Königs Wilhelm I. 
war der willensstarke, erfahrene und kluge Mann gegeben, der Anstofs zur That 
fand sich durch die Erhebung Schleswig-Holsteins gegen die Gewaltherrschaft 
Dänemarks. Für den König, der nun mit allem Nachdruck für die Reorganisation 
der preußischen Armee eintrat, wie er dieses in dem Erlasse „An mein Volk“ 
vom 7. Januar 1861 ankündigte, kam nun eine schwere Zeit, die Zeit des 
Militärkonflikts. Es ist bedeutsam, sich daran zu erinnern, was König Wilhelm 
zu einer Abordnung vom Lande in jener Zeit gesagt hat: „Was die Militär- 
reorganisation betrifft, so ist diese mein eigenstes Werk und mein-Stolz und ich 
bemerke hierbei: Es giebt kein Boninsches und kein Roonsches Projekt; es ist 
mein eigenes Werk und ich habe daran gearbeitet nach meinen Erfahrungen und
	        
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