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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 25 (1897)

Ansprache .zur. Feier des: hundertsten Geburtstäges Kaiser Wilhelms I. :149 
als Schatten!) bestand, und Franz II.,.der am 14. Juli 1792 in Frankfurt a. M. 
als letzter römischer Kaiser gekrönt worden war, sich genöthigt ‚sah, am 
14. August 1804 auf den Titel eines deutschen Kaisers zu verzichten”) und endlich 
am 6. August 1806 die Würde eines römisch-deutschen Kaisers für immer nieder- 
legte; Franz I. mufste es zugeben, dafs der nunmehrige Kaiser-Napoleon den Rhein- 
bund stiftete, womit das Römische Reich deutscher Nation zu Grabe getragen 
wurde. In dem Rheinbunde ist die Grundursache des Unglückes zu ‚erblicken, 
das nun über Deutschland und insonderheit über Preufsen hereinbrach, und das 
in den Jugendjahren des Kaisers Wilhelm das königliche Haus in Trübsal stürzte. 
Es ist auch schwer zu begreifen, dafs der durch Friedrich den Grofsen so hoch 
erhobene Staat in den kritischen, durch die Revolution und Napoleon herauf- 
beschworenen Zeiten nichts zur Abwendung des Schicksals unternehmen konnte, 
wenn wir nicht der Unschlüssigkeit und Zaghaftigkeit der leitenden Persönlich- 
keiten Rechnung tragen. Schon während der endlosen Reihe der Revolutions- 
kriege ‚gegen Frankreich würde es Pflicht gewesen sein, dem korsischen Eroberer 
mit aller Macht und Einigkeit entgegenzutreten; das Versäumen der dafür 
passenden Momente mulste zur Folge haben,: daß das Werk der Nieder- 
schmetterung der einzelnen Staaten sich nach und nach vollziehen konnte. Zuletzt 
traf das Schicksal das Königreich Preufsen, welches — im Jahre 1806 ‚und 1807 
in jenen unseligen Krieg mit Frankreich verwickelt — durch den Frieden, von 
Tilsit niedergebeugt und auf die Hälfte seines Umfanges herabgebracht wurde. 
Die schweren Prüfungen, welche über das preufsische Königshaus und den Staat 
hereinbrachen, sind so oft Gegenstand der eingehendsten Erörterung gewesen, 
die Bestrebungen, sich von dem Joche der französischen Herrschaft zu befreien, 
sind in der Geschichte des deutschen Volkes so tief eingegraben, dafs es bei 
dieser Gelegenheit nicht am Platze sein würde, näher darauf einzugehen, Für 
uns ist es von Bedeutung, darauf hinzuweisen, in ‚welche traurige Zeit die 
geistige Entwickelung“ unseres Kaisers fiel, und wir. begreifen, wie sich sein 
Inneres gegen die Unwürdigkeiten, welche Deutschland trafen, aufbäumen 
mußte. Es mag hier hervorgehoben werden, dafs die Mutter unseres Kaisers 
Wilhelm I. bis zu. ihrem im Jahre 1810 erfolgten Tode als Stütze aller vater- 
ländischen Bestrebungen anzusehen ist. Um die Königin Luise 'schaarten sich 
die Männer, die für die Befreiung von dem unwürdigen Joche Frankreichs 
glühten, und es kann keinem Zweifel unterliegen, dafs von hier aus auch der 
mächtige Impuls der Vaterlandsliebe in die Seele des 13jährigen Jünglings gelegt 
wurde, welche Vaterlandsliebe in dem Wirken und Streben Kaiser Wilhelms I, 
in den verschiedensten Epochen seines bewegten Lebens zum Heile Deutschlands 
herrliche Früchte trug. Aus jener Zeit fehlt es nicht an Beweisen, dafs un- 
erachtet der entsetzlichen Niederlagen der Glaube an die Zukunft des deutschen 
Volkes bei den Edelsten und Besten unerschüttert fortlebte. Wohl den edelsten 
und vielleicht auch wirksamsten Ausdruck findet diese Ueberzeugung in den 
einst so berühmt gewordenen, jetzt aber fast ganz vergessenen Reden Johann 
Gottlieb Fichtes an die deutsche Nation, °) welche im Wintersemester 1807 und 
1808 an der neubegründeten Berliner Universität vorgetragen, dem Drucke über- 
geben und mit Begeisterung ‚aufgenommen worden sind. In 14 solcher Reden 
weist der charaktervolle und gelehrte Fichte an der Hand der deutschen Ge- 
schichte nach, wie der deutsche Geist, unerachtet der politischen Zersplitterung 
und der Wirren der vergangenen Jahrhunderte, nicht rastete, an dem Ausbau 
menschlicher Erkenntnifs und Veredelung des Geschlechtes hervorragend mit- 
zuwirken. Er wendet sich an alle Stände der Gesellschaft in Deutschland, hält 
ihnen den Spiegel der Vergangenheit vor und zeigt ihnen die Wege zu einer 
besseren Zukunft. Auch an die fremden Nationen richtet er seine begeisternden 
Worte und ruft ihnen zu, daß nur in der Wiedererwachung der Größe ‚der 
deutschen Nation das Heil und der Friede. der Welt erblühen werde. Der 
1) Der Reichsdeputations-Hauptschlufs vom 25. Februar 1803 hatte bereits unter den geist- 
lichen. Ständen des Reiches aufgeräumt und 112 deutsche Reichsstädte mit ‚einem Federstriche vom 
Erdboden verschwinden lassen. . 
2) Er liefs sich dafür als erblichen Kaiser von Oesterreich‘ proklamiren, 
3) „J. G. Fichtes Reden an die deutsche Nation“, Mit Fichtes Biographie sowie mit 
erläuternden Anmerkungen versehen won Dr. Theodor Vogt, Langensalza 1881 (in neuer 
Ausgabe).
	        
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