148 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1897.
nächsten Jahrhunderte soweit in Selbständigkeit erstarkt, dafs von einer zum
Segen ıürs Vaterland führenden Einigkeit kaum mehr die Rede sein kann. Die
langjährige Regierung des dritten Friedrich (von 1440 bis 1492) war ganz
dazu angethan, Macht und Ansehen des Deutschen Reiches gründlich zu unter-
graben, und als sein ritterlicher Sohn Maximilian I. den deutschen Kaiserthron
bestieg, und damit die Epoche der neueren Geschichte ihren Anfang nahm, voll-
zogen sich Ereignisse von welterschütternder Bedeutung, die in erster Linie die
schon morschen Grundlagen des Deutschen Reiches gänzlich zerrütten und den
Untergang des Reiches einleiten mußten. Die letzten Jahre Maximilians, der
mit Recht als letzter ritterlicher Herr im Sinne des Mittelalters gefeiert werden
kann, sind ewig denkwürdig durch den Beginn der kirchlichen Reformation (1517),
eine Bewegung, die ihren Wellenschlag über das ganze 16. und 17, Jahrhundert
ausbreitete und für des Reiches Gröfse und Macht von den verhängnifsvollsten
Folgen war, Es genügt, hier nur an den dreißigjährigen Krieg zu erinnern und
die politischen Wirren, die sich daran knüpften. Für uns als Deutsche und für
unsere heutige Betrachtung ist es von Werth, daran zu erinnern, wie unterdessen
Kurbrandenburg erstarkte und ein grofser Fürst wesentlich dazu beitrug, die
fremden Eindringlinge von der. heimischen Erde zu verjagen. Der Sieg des
Grofsen Kurfürsten über das schwedische Heer bei Fehrbellin (1675) ist ein
Lichtpunkt in jener trostlosen Zeit; denn trostlos war die Zeit, da des deutschen
Kaisers Macht in solchem Mafse untergraben war, dafs Ludwig XIV. mit seinen
Ränken es dahin brachte; dafs die freie und Reichsstadt Strafsburg kapituliren
(Montag den 29. September 1681 a. St.) und damit Elsafs-Lothringen an Frankreich
abgetreten werden mufste. Im 18. Jahrhundert entwickelten sich Verhältnisse,
die auf die Neugestaltung Deutschlands von tiefgreifendem Einflusse waren. Im
Anfange des Jahrhunderts entstand das Königreich Preufsen unter Friedrich I.,
das um die Mitte desselben unter Friedrich dem Grofsen zu einer nie
geahnten Weltbedeutung sich erhob. Als Feldherr, Staatsmann und Philosoph‘)
gleich grofs, hat dieser Monarch — man darf es wohl sagen — der Neige des
Jahrhunderts einen Glanz verliehen, der in hellem Lichte strahlte und die Hoff-
nung auf eine glückliche Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse Deutschlands
erweckte, welche Hoffnung jedoch erst viele Decennien später und nach grofsen
staatlichen Wirren verwirklicht werden konnte. Ein Weltereignifs allerersten
Ranges, der Ausbruch der französischen Revolution (1789) veränderte die Lage
der politischen Verhältnisse auf dem europäischen Kontinente in solchem Maße,
dafs alle Staaten in ihren Grundfesten erschüttert wurden. In Deutschland sind
die führenden Staaten, Preulsen und Oesterreich, zumeist in die in den nächsten
Decennien folgenden Kriege und Wirren hineingezogen worden. Sich dem
Strome entgegenstellen zu wollen, konnte bei dem Flug der freiheitlichen Be-
strebungen nur nach der gründlichsten Vorbereitung von Erfolg begleitet sein,
mufste dagegen im anderen Falle verhängnifsvoll werden, wie dies durch den
anglücklichen Feldzug Preußens gegen Frankreich, den bekanntlich unser grofser
Goethe?) begleitete (1792), beleuchtet wird.
in den kriegerischen Wirren entwickelte sich ein Genie von ganz un-
gewöhnlicher Kraft, das auf unser Vaterland in nachtheiligster Weise einwirkte,
der General Bonaparte, nachher Napoleon I., Kaiser der Franzosen. Dieses
kriegerische Meteor entfaltete zuerst seine ganze Kraft in den Kämpfen der
französischen Republik gegen Oesterreich und seine Interessen in Italien. Diese
fanden für Oesterreich — und damit für Deutschland — einen unseligen Ab-
schlufs in dem Frieden von Campo Formio (17. Oktober 1797), in welchem das
linke Rhein-Ufer in einem geheimen Vertrage von Basel bis Andernach an
Frankreich abgetreten wurde. Hiermit sind wir zum Zeitpunkte gelangt, wo
Wilhelm I. als zweiter Sohn des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preufsen
am 22. März vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte. Die nunmehr
folgende trostlose Zeit der Zerrissenheit ist kaum dem vollen Umfange nach zu
begreifen, wenn man nicht erwägt, dafs das heilige Römische Reich nur noch
1) 3. J. Engel: „Lobrede 1781 auf den König“ (Friedrich den Großen).
2 Goethe, der sich auf dem Feldzuge im Gefolge des Herzugs von Weimar befand, sagte
mit der Nehergabe des Dichters, als anı 22. September 1792 der Befehl zum Rückzuge gegeben
wurde: „Von hier und heute an geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus.“