Ann. d. Hydr. ete., XXV, Jahrg. (1897), Heft IV,
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Ansprache. zur Feier des hundertsten Geburtstages
Sr. Majestät des hochseligen Kaisers Wilhelm I. des Grofsen
in dem Lichthofe der Seewarte am 22. März 1897.
Hochverehrte Herren Beamte der Seewarte!
Hochverehrte Damen und Herren!
Der Tag, den wir heute feiern, ist voll und ganz dem treuen Gedenken
des erhabenen Monarchen gewidmet, der vor neun Jahren nach einer unvergleich-
lich großen Regentenzeit aus dem Leben geschieden ist, Bis zum letzten Augen-
blicke war sein edles Leben dem Wohle -der deutschen Nation gewidmet, die
durch die Feier seines hundertjährigen Geburtsfestes einen kleinen Tribut des
Dankes ihm zu zollen sich anschickt. Ueberall, wo Deutsche auf der Erde
wohnen, wird der heutige Tag gefeiert werden, ein Festtag, wie er wohl kaum
je begangen worden ist. Nicht nur die Zahl der Feiernden ist es, die wohl ohne
Parallele in der Geschichte dasteht, es ist auch die Tiefe des Gefühls, das alle
Herzen für den grofsen Monarchen, gleichwie für den edlen Menschen, höher
schlagen läfst, und welches uns zu besonderer Verherrlichung der Thaten Kaiser
Wilhelms I. anregt. In diesem Bewufstsein erscheint die Aufgabe eines Fest-
redners gerade bei dieser Gelegenheit als eine ganz unendlich schwierige, eine
kaum zu bewältigende. Die zahllosen Ansprachen, die allerorten im Vaterlande
an Festversammlungen der verschiedensten Berufsklassen zu Ehren Kaiser
Wilhelms gehalten werden und zum Theil schon gehalten sind, lassen es kaum
als möglich erscheinen, von neuen Gesichtspunkten ausgehend, den zu stellenden
Anforderungen gerecht zu werden. Wenn ich es dennoch unternehme, vor dieser
Versammlung das Wort zu ergreifen, so werde ich dazu nur ermuthigt, weil ich
das Bedürfnils empfinde, aus‘ der Geschichte unseres Vaterlandes heraus die
wahrhaft erhabene Erscheinung des hochseligen Kaisers zu beleuchten, und dabei
weniger von den jüngst vergangenen Jahren und deren Ergebnissen auszugehen
beabsichtige; als vielmehr die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches nach
jahrhundertelanger trostloser Zeit zu beleuchten, und weil ich hoffe, dabei viel-
leicht einiges Neue bieten zu können. Es will mir scheinen, daß erst dadurch
die hohe Bedeutung Kaiser Wilhelms I. in vollem Lichte glänzen kann, Indem
ich diesen Versuch wage, kann es mir nicht einfallen, an. diesem Tage und dieser
Stelle eine geschichtliche Entwickelung geben zu wollen, vielmehr wünsche ich
dabei anzuknüpfen an diejenige geschichtliche Erscheinung, welche als Kaiser
von Deutschland mit der Idee der Wiedererrichtung des Reiches im deutschen
Volke von Alters her am innigsten verwebt gewesen ist, an Friedrich I,,
Barbarossa, den mächtigsten der Hohenstaufen. Die Sage vom Kyffhäuser
findet in dem schönen Gedichte von Friedrich Rückert „Barbarossa“ einen
edlen Ausdruck:
Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit
Und wird einst wiederkommen
Mit ihr zu seiner Zeit, ')
Diese‘ Herrlichkeit ist wiedergekommen, und in Kaiser Wilhelm, dem
Hohenzollern, bewundern wir die hehre Gestalt des großen Hohenstaufen, wieder-
erstanden.?) Eine kurze Betrachtung über Friedrich, diese mächtigste Erscheinung
des Mittelalters in der deutschen Geschichte, läfst uns Kaiser Wilhelm in der
4) Siehe auch Giesebrecht: „Die Zeit Kaiser Friedrich des Rothbarts“. Zwölftes
Buch, S. 263.
2) Nach Untersuchungen, welche vor etwa 20 Jahren angestellt worden sind (1876), bezieht
sich die Kyffhäuser-Sage nicht auf Barbarossa, sondern auf seinen Enkel Friedrich II.; im Volke
aber lebt sie nur in der Person des alten Rothbarts. (Deutsches Kyffhäuser-Buch, Natur, Geschichte
und Sage des Kyffhäuser-Gebirges, von Dr. Otto Richter, Kisleben 1880.)
Ann. d. Hydr. ete.. 1897. Heft IV.