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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1897
Die Vorhersage der Monsunregen in Indien,
Seit dem Ende der siebziger Jahre wird in Indien ein höchst interessanter
Versuch der wissenschaftlichen Wettervorhersage auf lange Zeit voraus
gemacht, der allmählich durch anhaltende umfassende Studien der meteorologischen
Behörde eine immer breitere Grundlage und festere Gestaltung gewonnen hat.
Die Grundzüge des Klimas der heifsen Zone sind einerseits die Gering-
/ögigkeit der Aenderungen von Tag zu Tage in allen meteorologischen Elementen,
zowie auch der jährlichen Schwankung der Temperatur, andererseits die in den
meisten "Theilen dieser Zone scharf ausgeprägte Verschiedenheit der Nieder-
schläge nach Jahreszeit und Oertlichkeit. Mit dem regelmäfsigen Verlauf der
Regenzeiten hängt die ganze Kultur der heißen Zone innig zusammen; die vor-
kommenden Störungen in diesem Verlauf sind daher von gröfster, oft ver-
hängnifsvoller Bedeutung für die Bevölkerung.
Die vor mehreren Jahren erfolgte Einführung eines täglichen telegraphischen
Wetterdienstes in Indien hat freilich gezeigt, dafs auch dort, namentlich in der
Regenzeit, ein ähnliches, wenn auch weit gemäfsigteres Spiel von Hoch- und
Niederdruckgebieten vor sich geht, wie es die täglichen Wetterkarten von Europa
aufweisen. Wesentliche Aenderungen im Wetter von einem Tage zum andern
sind aber in Indien so selten, daß der Werth der täglichen Prognosen ganz
zurücktritt gegen den von Prognosen über den allgeıneinen Charakter der
Jahreszeiten. Ueber die eingangs erwähnten Versuche zu solchen Prognosen
wird in zwei jüngst erschienenen Aufsätzen berichtet, die wir unseren Lesern
wegen der allgemein interessanten Art, in welcher die Frage darin einerseits
vom indischen, andererseits vom auswärtigen, insbesondere amerikanischen Stand-
punkte von zwei namhaften Meteorologen — Douglas Archibald und Cleveland
Abbe — besprochen wird, in der Uebersetzung aus dem Englischen vor-
legen wollen.
Der Aufsatz von Prof. Douglas Archibald ist in der Zeitschrift „Nature“
vom 26. November 1896 erschienen und trägt den Titel: „The long period
weather forecasts of India.“ Er hat, abgesehen von einigen Kürzungen,
folgenden Wortlaut:
Beginnend mit einigen empirisch gefundenen Aufeinanderfolgen, die zuerst
von Blanford bemerkt wurden, sind die Principien, auf denen die halbjährlich
vom Amte in Simla herausgegebenen Prognosen beruhen, von Jahr zu Jahr ratio-
neller und vertrauenswerther geworden. In jüngster Zeit hat die Regierung in
Anerkennung des immensen praktischen Werthes eines solchen Systems für das
Land die Errichtung neuer Beobachtungsstationen in Persien, die Legung eines
Kabels nach den Seychellen und die Fortsetzung der Monsunkarten vom Indischen
Ucean bewilligt, welche letzteren bereits werthvolles neues Licht auf die Be-
dingungen ergossen haben, die die normale und abnorme Entwickelung des
Wettercharakters der beiden Monsune in verschiedenen Jahren bestimmen.
Die Eigenheit, die Indien mit den meisten tropischen Ländern theilt, und
die es möglich macht, sein Wetter in grofsen Zügen und für lange Zeiträume zu
behandeln, besteht in der "’hatsache, dals die periodischen oder klimatischen
Aenderungen dort weit bedeutender sind, als jene unregelmäfsigen, unperiodischen,
ephemeren Schwankungen, die in unseren Breiten das Wetter beherrschen,
Während daher die täglichen Anomalien des Wetters und deren Vorher-
sage die Hauptaufgabe des Prognostikers in Europa ist, führt deren relative
Unbedeutendheit, verglichen mit den grofsen Schwankungen im Charakter ganzer
Jahreszeiten, in Indien ihn naturgemäfs darauf, die Schwankungen mit langer
Periode und deren Vorhersage als den Gegenstand zu betrachten, dem er seine
Aufmerksamkeit vorzugsweise zuzuwenden hat.
Tägliche Sturmwarnungen können der Schiffahrt in den Häfen Indiens und
längs dessen Küsten Nutzen bringen; für Alles jedoch, was sich auf Ackerbau
und Wirthschaft im Innern des Landes bezieht, sind jahreszeitliche Prognosen
unleugbar wichtiger.
Mit einem guten telegraphischen System kaun eine tägliche Wetter-
vorhersage ganz erfolgreich auf rein empirischer Grundlage erfolgen, nicht un-
ähnlich derjenigen, durch die ein Eisenbahnsignalist das Herannahen eines Zuges