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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1896.
Die Kraftlinienbilder lassen sich aber experimentell darstellen. Nimmt
man einen magnetischen Körper und taucht denselben in Kisenfeilicht, so zeigen
sich die anhaftenden Büschel nicht nur dem Kinflufs der Schwere unterworfen,
sondern scheinen selbst der Sitz von besonderen Wirkungen geworden zu sein.
Zwischen ihren einzelnen Fasern findet offenbar eine Wechselwirkung statt, sie
zeigen eine gewisse Steifigkeit. Sucht man sie von dem Magneteisenstück zu
entfernen, so ziehen sie sich zu Ketten aus, indem sich Kisentheilchen an Eisen-
theilchen hängt. Die magnetische Wirkung wird also von den sich aneinander
kettenden Eisenspähnen aufgenommen und von Theilchen zu "Theilchen weiter-
gegeben.
Wird eine Vorrichtung getroffen, daß bei der Bildung der beobachteten
Wirkungen die Schwere möglichst aus dem Spiele bleibt, streut man also das
Eisenfeilicht auf ein horizontal liegendes Blatt und legt auf dasselbe einen
Magnet, so stellen sich in der Anordnung des Eisenfeilichts die magnetischen
Wirkungen allein dar. Die Feilspähne ordnen sich in regelmäfsig geschwungenen
Linien; dies sind die sogenannten Faradayschen Magnetkraftlinien. Die
Anordnung des Eisenfeilichts um den magnetischen Körper zeigt besonders wirk-
same Stellen des Körpers an, zu denen sogar die EKisentheilchen aus gröfserer
Entfernung heranrutschen. Von diesen Stellen gehen Kraftlinien aus, die sich
von einer wirksamen Stelle zur anderen in mehr oder weniger weiten Bogen
hinüberschwingen und einmünden. Die Kraftlinien drängen sich in der Nähe der
wirkenden Stellen zusammen und gehen nach aufsen auseinander, Sie sind also
in der Nähe dieser Stellen am dichtesten.
Die Kraftlinienbilder geben zugleich ein Urtheil über Richtung
und Stärke der magnetischen Kraft.
Dafs die von gewissen Stellen des magnetischen Körpers ausgehenden
Wirkungen von anderen Stellen desselben wieder aufgenommen werden, läfst auf
eine gewisse Gegensätzlichkeit in dem Verhalten der verschiedenen Oberflächen-
punkte schliefsen. Jene Regionen des Magnets, von denen Kraftlinien in gröfserer
Zahl ausgehen oder an denen sie einmünden, werden als die Pole des Magnets
bezeichnet.
Den gesammten Wirkungskreis eines Magnets nennt man das „Feld des
Magnetes“, Das durch die Anordnung der Eisenspähne auf horizontaler Unter-
lage gegebene Kraftlinienbild stellt eine ebene Schnittfigur durch das Feld dar.
Für einen symmetrisch zu einer Achse gestalteten Magnet erhält man also eine
Vorstellung des Verlaufes der Kraftlinien im ganzen Felde dadurch, dafs man
das ebene Kraftlinienbild um diese Achse rotiren läfst.
Wegen seiner vielfachen Verwendung ist das Kraftlinienbild eines Stab-
magnetes von besonderem Interesse. Dasselbe läßt erkennen, dafs die Enden
Polarregionen sind, ohne dafs bestimmte Punkte ausschliefslich als Kraftlinien
aussendend angesehen werden können. Die von einer Polarregion ausgehenden
und in das Feld hineintretenden Kraftlinien schwingen sich in immer weiterem
Bogen zu dem anderen Ende hinüber und enden hier. In der Mitte des Stabes
zeichnet sich eine Zone dadurch aus, dafs von ihr gar keine Kraftlinien ausgehen;
in ihrer Umgebung wird die magnetische Kraft nur durch die Linien bestimmt,
welche sich von dem einen Ende zum anderen hinziehen und die hier dem Stabe
parallel verlaufen. Diese Zone des Stabes erweist sich also als indifferent bei
der Ausgestaltung des Feldes, man nennt sie die „Indifferenzzone“.
Dreht man den Magnetstab um seine Achse, so erhält man seiner Symmetrie
wegen stets dasselbe Kraftlinienbild. In einer zur Achse senkrechten Ebene
wird daher ein radialer Verlauf der Kraftlinien sich zeigen müssen, wie es der
Versuch auch ergiebt.
An einem sehr langen und dünnen Stabe bleibt fast nur am Ende Feilicht
hängen, welches sich zu einem kugelförmigen Büschel vereinigt. Das Kraft-
linienbild zeigt, dafs Richtkräfte auf benachbarte KEisentheilchen nur an den
äufsersten Endpunkten, den Polen, wirken. Die Kraftlinien gehen auch nicht
mehr von einem Pole zum anderen hinüber, die Linien des einen Poles verlaufen
fast unabhängig von denen des anderen; die Theilchen um einen Pol herum sind
der Wirkung des anderen, immer gleichzeitig mit vorhandenen, entrückt; es wird
so die Möglichkeit gegeben, die Wirkung eines einzelnen Poles für sich zu
betrachten. Das Feld an einem Ende eines solchen langen Magnetstabes nennt