950 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1896.
dann in den Jahren 1881 bis 1888,!) dafs das Gewitter und die Böe nur ver:
schiedene Formen oder Phasen derselben Erscheinung sind, und da[ls der
charakteristische Komplex von Vorgängen, welcher den voll ausgebildeten
Gewittersturm sowohl am einzelnen Orte als auf der synoptischen Karte kenn-
zeichnet, auch bei gewöhnlichen Gewittern, wenn auch oft sehr verwischt, zu
erkennen ist. Besonders wichtig dafür war der anscheinend sehr naheliegende,
aber doch, so viel ich weils, erst in jenen Jahren, und zwar von der
Münchener met. Centralstation, gethane Schritt, den vorderen und hinteren Rand
des Gewitters gleichzeitig in die Karte einzutragen, und dadurch die wirkliche
Ausdehnung des Letzteren klar zu legen.
Die Erfahrung zeigt, dafs die Stärken der elektrischen Entladungen, ‘des
Regens bezw. Hagels, und des Windstofßses keineswegs mit einander parallel
gehen, sondern dafs bei verschiedenen Phänomenen, und auch bei einem und dem-
zelben Phänomen je nach Ort und Zeit, bald der eine, bald der andere Bestand-
theil des Erscheinungskomplexes kräftig entwickelt ist. Man erhält daher, wenn
man nur einen derselben ins Auge falst, ein einseitiges Bild, das häufig durch
Berücksichtigung der übrigen sehr an Klarheit gewinnen kann. Der für das
Ganze wichtigste Bestandtheil aber ist unzweifelhaft der Windstofs, weil er am
engsten mit der Mechanik des ganzen Unwetters zusammenhängt. Wenn man
trotzdem bis jetzt weit größere Aufmerksamkeit auf die accessorischen Erschei-
aungen — Blitz und Donner — richtet, so findet dies seine Berechtigung darin;
dafs es viel leichter ist, von einer grofsen Zahl über das ganze Land verbreiteter
Gelegenheitsbeobachter Angaben über diese in die Sinne fallenden Erscheinungen,
als über die Schwankungen der Windstärke an gut exponirten Punkten zu
erhalten. Doch wäre zu wünschen, dals das Beispiel der Königlich bayerischen
Centralstation, welche seit 1890 in ihre Gewitter-Fragekarten die Rubrik auf-
genommen hat: „Gewitterböe (Wind) setzte ein um ... Uhr... Ne “, all-
gemeinere Nachahmung fände, besser noch mit dem Zusatz „und dauerte ....“.
Ob die Windstärke dabei erheblich war, wird man aus der schon jetzt meistens
aufgenommenen Frage nach dem Wind vor, während und nach dem Gewitter
ersehen können. Wenn auch alle diese Angaben ohne Verwendung von Registrir-
apparaten keiner grofsen Schärfe zugänglich sind, werden sie doch dazu dienen
können, unser noch immer recht mangelhaftes Wissen von diesen vielgestaltigen
Meteoren erheblich zu erweitern.
In jüngster Zeit hat sich den wenigen deutschen und englischen Meteoro-
logen, die sich mit dem Studium der Gewitterböen befassen, auch ein französischer
Forscher hinzugesellt, Herr M. E. Durand-Greville, mit zwei Untersuchungen,
die in den „Annales du Bureau central metEorologique de France“ erschienen
sind.”) In der ersten derselben ist ein aufserordentlich reiches Material an
instruktiven Barographenkurven aus einer Böe zusammengestellt, die am 27, August
1890 von der Westküste Frankreichs bis nach Russland zog, mit relativ wenig
elektrischen Entladungen uud Niederschlägen, aber grofsen Windstärken, und
nach räumlicher Ausbreitung und Lebensdauer alle bisher untersuchten übertreffend.
Im Anschluß daran giebt Herr Durand-Greville eine übersichtliche Darstellung
ler wichtigsten über die Böen bekannten Thatsachen, wobei er die Angaben der
verschiedenen Autoren in geschickter Weise mit einander verknüpft und aufser
Widerspruch setzt. Er legt auf die Kontinuität der Erscheinung längs der
yanzen, von ihm als „ruban de grain“ oder (in Bezug auf die Hauptdepression)
als „rayon de grain‘‘ bezeichneten Böenlinie grofses Gewicht und bezeichnet das
streckenweise Fehlen von elektrischen Entladungen auf derselben als minder
wesentlich; die Böe rufe diese eben nur dort hervor, wo die Gegend „bien
preparde“ ist für ein Gewitter, wo „le temps est ä Vorage“.
In der That ist, wie gesagt, die Auflösung des Böen- bezw. Gewitter-
bandes in eine Kette von einzelnen Wirbeln mit vertikaler Axe im Widerspruch
3 v.Bezold: „Oesterr. Met. Zeitschr.“ 1883, S. 200 und 281. — Börnstein u. Köppen:
„Met. Zeitschr.“ 1887, S. 443. — Ferrari: ebenda 1888, S. 1 und 62. — Ferner eine Reihe von
Beschreibungen einzelner Gewitter. — Vergleiche damit No. 1 und 2 dieser Beiträge, Ann. 1879
and 1882, und die ‚Ergänzung zum ersten derselben in „Oesterr. Met. Zeitschr.“ 1879, S. 467 ff.
2) „Les grains et les orages“. Annales 1892, I (Paris 1894); Auszug daraus in den
„Comptes Rendus“ v. 9. April 1894. — „Les grains et les tornades“, Annales 1893, I (Paris 1895).