; «.Köppen:. Die Gewitterböe vom 10. ‚Juli. 1896 in. Ostholstein... 549
betrachtet, nicht aber relativ zur Erdoberfläche. Konstruirt man so die Bewegung
der Luft relativ zum Gewitter, so bekommt man überhaupt ein von dem relativ.
zur Erdoberfläche ‚aufgenommenen ganz verschiedenes Bild; auf der Vorderseite
statt. der Windstille eine Bewegung von etwa 17m pro Sekunde (1 km’ pro
Minute) der ‚Böe. entgegen etc.; so. berechtigt also. beide Darstellungsweisen. an
sich sind, so müssen sie deutlich auseinandergehalten werden, und es ist fraglich;
ob durch Einführung der zweiten das Bild an Klarheit gewinnt. Immerhin ist
es. nicht unmöglich, dafs durch dieselbe die Verknüpfung zwischen den Tromben
und den. Böen sich wird klarlegen lassen,
Eine ganz andere Auffassung vertritt Prof. Dr. Assmann in seinem
Bericht‘ über das Gewitter vom 24. Juli 1890 und den damit verbundenen Lokal-
sturm in Osterburg, Arneburg und Nauen (Deutsches Met. Jahrbuch. 1890, Kgr.
Preufsen, Ergebnisse S. LV bis LVIII); in der Zusammenfassung am Schlufs
lautet sie 80: 0
‚„Zwei in Nordwestdeutschland getrennt entstandene Gewitter vereinigten
sich auf ihrem von NW nach SO gerichteten Zuge mit einander durch seitliches
Ausdehnen und Verschmelzen ihrer Fronten. Die in beiden vorhandene stürmische
westliche bis nordwestliche Luftströmung verstärkte sich bald danach an der
Vereinigungsstelle zu einem orkanartigen Sturme, welcher, in einer nur‘ 20 bis
30 m breiten, seitlich scharf begrenzten Bahn verlaufend, zahlreiche Zerstörungen
an Bäumen und Gebäuden bewirkte. Aeufserlich kennzeichnete sich dieser Sturm
durch eine tiefschwarze, der Erde unmittelbar aufliegende, seitlich wohl. begrenzte
Wolke, welche in Form einer Walze über das Land rollte, vor sich her alle
leichteren Gegenstände aufhebend, alle festeren niederwerfend. Im nachfolgenden
Theile fielen die aufgehobenen Gegenstände wieder zu Boden. Dem Anscheine
nach fand also in der Sturmwolke eine wirbende Bewegung um eine horizontale;
zur Richtung der Sturmbahn senkrecht stehende Axe statt, analog dem von
Köppen für jedes Wärme-Gewitter angenommenen Vorgange.“
Dieser Hinweis bezieht sich auf das von mir in Bd. 1882 der „Ann, d.
Hydr. u. Mar. Met.“ S. 729 bis 733 unter „D. Die vertikalen Bewegungen“
Beigebrachte. Das dort entwickelte und durch die gewöhnliche Wolkenform in
Regenböen gestützte Schema einer über das Land hinrollenden horizontalen
Walze bezieht sich aber hauptsächlich auf die Böe im Ganzen, also auf eine
Walze von vielen, ja Hunderten Kilometer Länge, deren Axe in etwa 1 km
Höhe über dem Krdboden liegt. Es ist gewifßs nicht leicht, sich dasselbe
einfache Bild auch für die bei Osterburg und Nauen gesehene schwarze Wolke
von nur 15 bis 35 m Frontbreite oder das Phänomen auszumalen, das bei
Arneburg eine scharf begrenzte Stralse von nur 5’bis 8:m Breite durch ein
Stoppelfeld von Kornstiegen frei fegte. Ueber die Höhe der Wolke ist zwar
nichts gesagt, aber wir müssen sie doch wahrscheinlich auf mehr als 100 m an-
nehmen, wodurch die Walze zum Rade wird. ; ;
Wie man sieht, gehen also zur Zeit noch die Ansichten über die Struktur
der Gewitterstürme sehr weit auseinander, und ist eine Klärung derselben, die
das Richtige in ihnen verbindet und mit der Beobachtung wie mit den Sätzen
der Hydrodynamik in Uebereinstimmung bringt, noch: anzustreben. Ku.
Einen Beitrag zu dieser Klärung sollen auch die hier gelieferten aus-
fübrlichen Beschreibungen zweier typisch verschiedener Windsbräute und die
folgenden Bemerkungen allgemeinerer Natur bieten.
Die Unterscheidung zwischen geradlinigen‘ Stürmen und Wirbeln resp.
Wettersäulen ist recht alt, aber die Ansichten über ihre Natur und gegenseitigen
Beziehungen sind noch schwankend und unklar. Die Wettersäulen oder Tromben;
die ‚viel: mehr dem. Auge direkt Wahrnehmbäres bieten, haben zuerst die
Aufmerksamkeit auf sich gezogen und sind besonders an ihren grofsartigen
Repräsentanten in Nordamerika schon während der‘ vierziger Jahre dieses Jahr-
hunderts Gegenstand eifrigen Studiums gewesen, Ueber die Natur der Böen
dagegen hat man erst durch die 1878 erschienene Skizze von Cl. Ley über die
„Eurydice“-Böe, an die sich No. 1 dieser „Beiträge“ knüpfte, die ersten Auf-
schlüsse erhalten. Die schon in den sechziger Jahren in Frankreich und Skandi-
navien begonnenen, seit 1879 aber besonders in Bayern und Italien intensiy
weitergeführten Untersuchungen über Gewitter, sowie die seit den siebziger
Jahren zahlreicher werdenden Aufzeichnungen von Registrirapparaten . zeigten