194 Annalen’ der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1896.
während an Ausdehnung. und Stärke zu, und schon nachmittags um 5 Uhr sah
man die Blitze zucken und hörte den Donner rollen. Plötzlich, etwa um 6 Uhr,
bildete sich am Fufse des Mühlenhügels eine kleine Windhose. Dieselbe nahm
ihren Weg in nordwestlicher Richtung, ging in einer Ausdehnung von ca 5m
Durchmesser über die Gröpelingerstrafse, woselbst sie in den Gärten die Obst-
bäume umwarf, von da nach dem Seebeck und zertrümmerte theilweise die Ziegeln
auf dem Scheunendach der hiesigen Brauerei, so dafs die Ziegeln in der Luft
herumflogen und sich dabei ein Rauch zeigte, als wäre plötzlich ein Feuer aus-
gebrochen. Mehrere Fuder Heu, die in Diemen standen, sind bis auf eine
Kleinigkeit verschwunden. Nun zog sie über den See, und aus der Windhose
ward eine. Wasserhose. Es war grausig schön anzusehen. Die Wolken kon-
centrirten sich auf einen Punkt, von da stiegen sie trichterförmig in den See
and das Wasser aus dem See in derselben Form in die Wolken. In Holzurburg
angekommen und wieder zur Windhose geworden, bildete dieselbe einen Weg
farchtbarer Verwüstungen. Zwanzig der schönsten und kräftigsten Eichbäume
lagen übereinandergeworfen und an 200 der stolzesten Bäume liegen, ihr schönes
Haupt geneigt, auf der Erde.“
Das Letztere ist wohl eine Uebertreibung, denn auf Befragen theilte Herr
Seminarlehrer P. Linnarz der Seewarte mit, dafs in Holzurburg etwa 25 alte
Eichen entwurzelt wurden und etwa 500m weiter noch viele kleinere Bäume
liegen sollen, alle nach Norden gefallen. „Die Wolke, aus der die Windhose
kam“, schreibt Herr Linnarz, „war schwarzblau. Ueber die Form der Wind-
hose wissen Alle, dafs‘ sie trichterlörnig war. Dieselbe kam aus SSW heran-
gezogen und nahm ihren Lauf nach NNO. Vor und nach der Entladung hatten
wir schwachen, Wind und wenig Regen. Man hat bemerkt, dafs die Windhose
von Begrabenholz über den südlichen Theil von Bederkesa, durch den See, über
Holzurburg, zwischen OÖster- und Wester-Steinau nach Pedingwarth zu sich
bewegte. Eine zweite Windhose soll von Flögeln gekommen und ihren Weg
über Süderleda nach Nordleda genommen haben.“
Ein anderer Bericht aus Bederkesa, im „Cuxharv. Tageblatt“ vom 11. Juli 1890,
fügt dem noch einige neue Züge hinzu. „Nach unseren Beobachtungen und dem
angerichteten Schaden zu urtheilen“, heifst es darin, „hatte der Trichter des
Wirbelsturmes den ungefähren Durchmesser von 20m.“ Auf dem See soll nach
diesem Bericht das Wasser bis zu doppelt mannshohen Wellen sich aufgethürmt
haben. In Süderleda hat die Windhose mehrere Dächer stark beschädigt und
einen Theil eines Hauses sowie eine Scheune umgerissen, wobei ein Mensch
getödtet wurde. Das Herannahen der Windsbraut wird im Zeitungsbericht so
geschildert: „Während am Sonnabend Nachmittag drohende Gewitterwolken, die
zuckende Blitze ausschickten, an unserem Orte vorüberzogen, näherte sich
plötzlich von SW eine eigenthümliche schwarze Wolke unseren Gebäuden, Die-
selbe entlud sich, begleitet von Donner, als ein furchtbarer Wirbelwind.“
Aus dem Lande Hadeln liegen keinerlei Berichte über ein Unwetter an
diesem Tage vor; aber jenseits der Elbe hat, ziemlich genau in der Fortsetzung
der oben angegebenen Bahn der Windhose von Bederkesa, eine solche bei
Marne Verwüstungen angerichtet. Die „Marner Zeitung“ vom 8, Juli schreibt:
„Nachdem am Sonnabend Nachmittag ein Gewitter dem anderen gefolgt
war, alle freilich nur schwach, wurde es etwas nach 7 Uhr sehr dunkel, .tief-
schwarze Wolken im Westen und Norden liefsen' Schlimmes erwarten. Da ver-
nahmen Bewohner des Nordertheils plötzlich ein Sausen und Brausen, das ihnen
klar wurde, als sie ins Freie eilten und auf den Weiden zu Osten der Chaussee
eine Windhose ihr Wesen treiben sahen. Bretter flogen in die Luft, als wenn
mit ihnen Fangeball gespielt würde, eine Schutzhütte war umgestürzt und total
zersplittert; dann fuhr das Unwetter in Kohlsaats Bretterhaufen, eine ganze
Partie davon umwerfend, schwebte weiter auf die Wohnungen an der Helser
Chaussee’ zu und drückte einige Fenster ein, hob Ziegel ab, um dann den Weg
wieder über die Chaussee zu nehmen nach Norden zu, Helse nicht berührend.
[n Krumwehl aber wurde im Garten des Herrn Rühmann zuerst ein mehrere
hundert Jahre alter Baum mit den Wurzeln aus der Erde ausgedreht und fort-
geschleudert, ein Akazienbaum fast aus der Erde gehoben und dann die Scheune
eingedrückt. Die beiden Giebelwände sind stehen geblieben. Aber die Wind-