Schott: Die Sprungwelle. in der Mündung des Tsien-tang kiang. 471
es ist ein fortwährendes, ziemlich gleichmäfsiges Tosen, welches nur gelegentlich
von einem besonders lauten, aber dumpfen Ton abgelöst wird; nähert sich der
Stürmer,. so wächst das Geräusch nur sehr allmählich, bis es vorüberzieht mit
einer Stärke, die dem Brausen der Niagara-Fälle nur wenig nachsteht.
Es wurde schon oben bemerkt, dafs jede regelmäfsige Schiffahrt auf dem
Tsien-tang durch. die täglich zweimal auftretende Sprungwelle unmöglich gemacht
werde; selbst die kleinen Kutter konnten sich nicht ohne schwere Beschädigungen
während der Fluth auf dem Strom halten, und während des Ebbestromes fehlt
es an genügender Wassertiefe. Nur die ganz besonders diesen Verhältnissen
angepafsten Djunken der Chinesen unterhalten, wenn schon mit grofsen Gefahren
und Schwierigkeiten, den Verkehr; die Djunken des Tsien-tang haben vollkommen
platten Boden und verkehren nur in der kurzen Zeit unmittelbar nach dem Vor-
übergang der. Bore bis zum Kentern der Stromrichtung und ein wenig nachher
noch, das sind etwa drei bis vier Stunden für jeden halben Tag. Denn der
Ebbestrom läuft auch schnell, das Wasser fällt sehr schnell weg, und eine
beladene Djunke braucht wenigstens 9 Fuß Wasser, um zu schwimmen.
Unter diesen Umständen müssen an dem Ufer Vorkehrungen getroffen
sein, dafs die Djunken während der letzten Hälfte des Ebbestromes und in der
Zeit vor der Sprungwelle Schutz finden. Das ganze nördliche Ufer des Stromes
ist eingedeicht durch einen mächtigen, aus Steinen zusammengefügten Wall, dessen
Oberkante 8,8 m über der Sohle des Flußsbettes liegt. Auf dem Wall befindet
sich u: A. auch die mehrfach erwähnte Bhota-Pagode.
Zwischen diesem ungefähr 6 m vom Fluß (bei Niedrigwasser) entfernten
Hauptwall ünd dem Flufs selbst erhebt sich noch in einer Höhe von nur etwa
2 bis 2,4 m über dem Flufßsbett ein zweiter niedrigerer Wall, eine breite Platt-
form, die also dem Hauptdeich vorgelagert ist. Auf dieser Plattform machen
die Djunken fest, wenn der Wasserstand zu niedrig wird, und sie finden hier zu-
gleich Schutz vor der Springfluthwelle, weil in bestimmten Abständen von der
Plattform ausgehende Pfeiler in den Flufs hineingebaut sind, welche die Gewalt
der Welle einigermafsen brechen, so dafs im Schutze, d. h. auf der der heran-
rückenden . Welle abgewandten Seite dieser Pfeiler das Wasser zwar natürlich
auch plötzlich stark steigt, aber ohne dafs die vermöge der grofsen Fortpflanzungs-
geschwindigkeit vorhandene fürchterliche Gewalt zur vollen Geltung kommt,
Diese Eindeichung ist ein grofsartiges Bauwerk, es erstreckt sich etwa
10 Sm von Haining an flufsabwärts (bis Chi-san) und 14 bis 15 Sm flufsaufwärts;
es soll über 500 Jahre lang daran gebaut worden sein und beständig eine Schaar
von etwa 1000 Menschen zur Ausführung der Reparaturen nöthig sein.
Der Chinese ist nicht in der Lage, eine befriedigende Erklärung für die
grofsartige Naturerscheinung zu geben; daher ist der „tshau“ (= Fluth) oder der
„tshau dau“, d. h. die grofßse Fluth, für ihn ein Gegenstand des Aberglaubens,
und wenn starke Spring fluthwellen erwartet werden, so versammelt. sich eine
nach Tausenden zählende Menschenmenge, an ihrer Spitze der Tao-tai des Ortes,
auf dem Deich und sucht durch Gebete und durch das Hineinwerfen von Opfer-
gaben in den Strom den Gott der Gewässer gnädig zu stimmen. —
Will man das Wesen der Springfluthwelle des Tsien-tang kiang in wenigen
Worten zusammenfassen, so läfst sich vielleicht sagen, dafs sie nichts weiter als
der Hochwasserscheitel der Tag für Tag zweimal in die Hang-tshau-Bucht ein-
tretenden Fluthwelle ist, der Scheitel des Hochwassers, welcher aber wegen der
plötzlichen starken Abnahme sowohl der Zugangsbreite wie besonders der
Wassertiefe eine gefährliche Höhe und eine gefährliche Fortpflanzungs-
geschwindigkeit nothwendigerweise erlangt. Die Sprungwelle ist also nicht
eigentlich eine Welle, sondern nur ein kleiner Theil einer Welle, sie ist der
Kamm der Fluthwelle, in welchem die einzelnen Wassertheilchen wirklich eine
Vorwärtsbewegung haben, nicht blofs, wie in den Windwellen des offenen Oceans,
eine hin- und herschwingende „Orbitalbewegung“.
Da es sich hier um den wirklichen Transport von Wassermassen von einem
Ort zum. anderen handelt, so mag man das Phänomen auch mit den sogenannten
„Translationswellen“ oder „Uebertragungswellen“ in Beziehung bringen, das sind
Wellen, welche (wie der Stürmer) eine isolirte Erhebung ohne nachfolgendes