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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 24 (1896)

470 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1896. 
bemerken, dafs, wie aus dem Mooreschen Bericht und auch aus den hier beigefügten 
Photographien hervorgeht, im Tsien-tang unzweifelhaft die Sprungwelle über der 
ganzen Breite des Flufsbettes, auch über den tieferen Theilen an der Nordseite 
und nicht blofs über den ausgedehnten Sänden der Südseite, brandet. Es wird dies 
erwähnt, weil nach einer Notiz von Börgen') Zweifel darüber bestehen, wie sich 
der Stürmer auf den verschiedenen Flüssen über den verschiedenen Tiefen gestaltet; 
30 soll z. B. auf dem Hugli der mittlere, tiefe Stromtheil von der Brandung ver- 
schont bleiben. 
Sehr wichtig für die Auffassung der Erscheinung ist nun ferner der Umstand, 
dafs hinter der Sprungwelle nicht etwa ein Wellenthal eine Erniedrigung des 
Wasserspiegels folgt; es folgt auch nicht eine zweite Welle, sondern es steigt 
vielmehr nach Vorübergang der Kaskade das Niveau noch weiter, aber allmählich, 
wie es ja dem Gezeitenphänomen zukommt; diese weitere Zunahme der Wasser- 
tiefe während des Fluthstromes beträgt %/4 der Höhe der ersten Kaskade, auch 
mehr; auf dem Rücken des Wellenscheitels ist das Wasser nicht glatt, sondern 
sehr kabbelig, und kleinere Wellen von mehreren Fuß Höhe sind daselbst in 
heftiger Bewegung zu sehen. 
Wir erhalten für Haining einen mittleren Fluthwechsel von etwa 5,8 m 
Höhe; für Hang-tshau, wohin die Welle nur noch abgeschwächt gelangt, beträgt 
die mittlere Wasserstandsänderung bei Springzeiten nur noch 1,8 m, dagegen 
erreicht sie bei Rambler - Insel den kolossalen Werth von rund 9m (7,6 m bis 
10,4 m), aber dort nimmt, weil die Insel aufserhalb des engsten Mündungs- 
trichters und auf tieferem Wasser liegt, die Fluthwelle keinen sehr bedrohlichen 
Charakter an, wie wir schon oben sahen, 
Alle von Moore bei Haining beobachteten Springfluthwellen waren nach 
Aussage der Chinesen nicht ungewöhnlich hoch, und es ist zweifellos, dafs in 
besonderen Fällen der Wellenkamm selbst die gewaltige Höhe von etwa 15 Fuls 
oder fast 5 m erreicht; im Winter sollen nach den Berichten der Djunken-Schiffer 
die Stürmer durchschnittlich etwas stärker sein, vielleicht deshalb, weil dann 
der steife Nordostmonsun des Gelben Meeres besonders grofse Wassermengen in 
der Bucht anstaut. Die älteren Angaben von 8 bis 10m Höhe für den Wellen- 
scheitel sind aber sicherlich falsch. 
Bei Haining erreicht das Phänomen stets den Gipfel seiner Ausbildung, 
es passirt die Stadt fast genau in dem Augenblick, in welchem der Mond den 
Meridian passirt, sei es in oberer oder unterer Kulmination; nur bei harten auf- 
landigen Winden scheint die Welle etwas zu zeitig, vor dem Monddurchgang, 
anzukommen. Immer zur Zeit der Syzygienstellung ist die Fluthwelle besonders 
grofs; wie aber während der anderen Monatstage die Erscheinung im Einzelnen 
sich äufsert — ganz fehlt sie natürlich nicht —, darüber findet sich in den uns 
vorliegenden Berichten nur die Angabe, dafs die Höhe der Welle 0,5 bis 1 m 
betrage und die Erscheinung ungefährlich sei. 
Was ferner die Fortpflanzungsgeschwindigkeit anlangt, so ist bei Haining 
10 Sm in der Stunde das durchschnittliche Minimum, meist läuft die Welle etwas 
über 11 Knoten, in einzelnen Fällen aber werden 14 Knoten in der Stunde 
zurückgelegt. 
Ueber die Form des vorderen Randes der Sprungwelle lauten die An- 
gaben Moores verschieden, fast sich widersprechend; an der einen Stelle sagt 
er, dafs die Sprungwelle in einer ganz geraden, über den Strom von Norden 
nach Süden sich erstreckenden Linie komme, heranmarschirend wie eine Kompagnie 
Soldaten; an einer anderen Stelle heißt es dagegen, dafs derjenige Theil der 
Kaskade, der über dem tiefsten Theil des Flufsbettes läuft, ein wenig zurück- 
bleibe und am steilsten aufgerichtet sei, beides wohl infolge der dort am stärksten 
herrschenden Abflufsströmung des Tsien-tang, und endlich wird an einer dritten 
Stelle gesagt, dafs die Welle an den Seiten, an den Rändern etwas zurückbleibe, 
wohl wegen vermehrter Reibung am Ufer und am Grund. Wahrscheinlich sind 
die Abweichungen von der geraden Linie nie bedeutend. 
Das Geräusch der Sprungwelle in der Entfernung ist sehr eigenthümlich, 
es gleicht noch am ehesten dem der Brandung an einem entfernten Korallenriff, 
1) Siehe- Dr. Neumayers „Anleitung zu wissenschaftl. Beobachtungen auf Reisen“. I. 
’%. Aufl.) S. 440.
	        
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