‘Schott: -Die Sprungwelle in der Mündung des Tsien-tang kiang. 467
hach Breite. wie Tiefe sich plötzlich stark verengende Flufsmündung hineingeprefst
wird, mufs-der ‚Scheitel dieser Welle das, was ihm bei dem schnellen Uebergang
aus einer weitgedehnten Meeresbucht in die horizontal wie vertikal beengte Flufs-
mündung an Mächtigkeit in Tiefe und Breite verloren geht,.ersetzen durch Zu-
nahme nach oben, durch plötzliches Anschwellen der Höhe und durch Zunahme
der Fortpflanzungsgeschwindigkeit. Zu :dem mauer- oder wallartigen
Vorwärtsstürmen einer solch kolossalen Wassermasse, wie sie. auf den zwei
Bildern hervortritt, kann es aber auch dann nur in dem Falle kommen, wenn
aufserdem das Gezeitenphänomen überhaupt sehr stark ausgebildet ist, wenn also
die Gezeitenströme schon an sich beträchtliche Geschwindigkeiten besitzen. Denn
sonst müfte an noch bedeutend zahlreicheren Stellen der Erde die Springfluth-
welle auftreten, während sie doch in verhältnifsmäfsig nur wenigen Flulsmündungen
grofse, gefährliche Dimensionen erreicht, ;
Sehen wir -zu, wie im Einzelnen die Verhältnisse .an der Mündung des
Tsien-tang kiang sich gestalten. ;
Auf der viel befahrenen Dampferroute von Hongkong nach Shanghai läuft
man meist die Inseln der Fisherman-Gruppe und der Saddle-Gruppe in Sicht, sie
gehören alle zu dem Tshusan-Archipel, und dieser wiederum ist es, an den die
grofse Hang-tshau-Bucht im Westen sich anschliefst. In der östlichen Hälfte
dieser Bucht liegt die ganz kleine, aber mit einem Feuerthurm besetzte Insel „ West-
Volcano“, welche wir weiter unten noch zu erwähnen haben werden; westlich von
121° O-Lg, ungefähr bei der ebenfalls sehr kleinen, aber auch für uns wichtigen
Rambler-Insel beginnt die plötzliche starke ‚Verschmälerung der Hang-chau-Bucht
in Nord —Südrichtung, indem etwa 20 Sm breite Sände von Süden heranreichen
bis fast an: die nördliche Seite oder das linke Ufer des Mündungstrichters des
Tsien-tang; die plötzliche starke Abnahme der Wassertiefe endlich beginnt. etwas
oberhalb von Rambler-Insel, bei Kanpu, da, wo das Nordufer.aus der Nord-—Süd-
richtung umbiegt in West—Ostrichtung und die Wassertiefe von. 4 bis 5 Faden
auf 4 bis 5 Fufßs herabgeht. Rund 10 Sm noch weiter flufsaufwärts liegt die Stadt
Haining, an ihrem Ostende die sogenannte Bhota-Pagode, von welcher aus die
meisten Beobachtungen der Sprungwelle seitens des Kapt. Moore gemacht
wurden, Noch ‚weiter stromaufwärts liegt sodann das mächtige Hang-tshau, die
berühmte frühere Hauptstadt Chinas.')
Am Schlusse von Vermessungen in den chinesischen Gewässern, speciell
auch in der Hang-tshau-Bucht, wurden von Kapt. Moore Gezeitenbeobachtungen
angestellt und hierzu an einigen Stellen, so z. B. auf Rambler-Insel und Volcano-
Insel, Pegel eingerichtet. (Diese Wasserstandsmessungen konnten bei der
Bearbeitung des Stürmers und seiner Begleiterscheinungen sehr gut .verwandt
werden.) So kam Kapt. Moore der Gedanke, bei dieser Gelegenheit die Sprung-
weile des Tsien-tang zu studiren, da man nichts Zuverlässiges darüber erfahren
konnte, obschon der Schauplatz des Phänomens kaum 70 Sm von ‚Shanghai
entfernt ist. ;
Mit zwei Dampfkuttern und einem Segelkutter, die ungefähr 3 Fuß .Tief-
gang hatten, ging man am 20. September 1888 morgens von Rambler-Insel, wo
das Hauptschiff- vor Anker blieb, stromaufwärts; das Ziel war Haining, wurde
aber an diesem Tage nicht erreicht, da der eine Kutter gegen Ende des. Ebbe-
stromes an Grund gerieth und: von der kurz danach plötzlich aufkommenden
Sprungwelle alle drei Schiffe, obwohl sie in möglichst geschützter Lage sich ver-
ankert hatten, mehr oder weniger beschädigt, losgerissen und vertrieben wurden.
Am 21. September wurde der Stürmer, sowohl der am Tage wie der in der
Nacht kommende, genau beobachtet und am 22. speciell seine Geschwindigkeit
mittelst einer nach dem rechten Ufer des Flusses hin gelegenen Basis gemessen.
Die Rückkehr zu dem bei Rambler-Insel liegenden Expeditionsschiff mufßste, zumal
die Kutter beschädigt waren, auch fast der gesammte Kohlenvorrath weggespült
war, mit der gröfsten Vorsicht ausgeführt werden.
__ Anfang Oktober ging Kapt. Moore von Shanghai aus über Land, d..h.
mit Benutzung des grofsen Kanals, direkt nach Hang-tshau und Haining, um
während :einer Woche die Beobachtungen über. die Bore zu vervollständigen.
Vier Jahre später, wiederum im Oktober, nahm Moore: nochmals die Gelegenheit
1 -Man vergleiche: die englische Seekarte No. 1199.