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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1896,
Noch in Nordenhamm wurde ein starker Windstofs, angeblich aus Nord,
und ein schwerer Regen dahinter, der eine halbe Stunde dauerte, beobachtet.
Auch wurde mir dort erzählt, dafs der Dampfer auf der Ueberfahrt nach Bremer-
baven an diesem Tage einen sehr schweren Windstofs erhalten habe; nach
näheren Erkundigungen des Vorstehers der Hauptagentur der Seewarte in Bremer-
haven ist dieses indessen nicht am 5. Juli, sondern am 29. Juni geschehen, so
dafs hier ein Mifsverständnifs vorliegt. In Bremerhaven ist nichts Auffälliges an
diesem Nachmittag vorgekommen. (Fortsetzung folgt.)
Graphische Darstellung der Fehlergleichungen für Längen- und
Breitenbestimmungen.
Von THEODOR LÜNING, Königlichem Navigationslehrer in Flensburg,
Es ist eine jedem Nautiker bekannte Thatsache, daß alle auf hoher See
ausgeführten Berechnungen aus dem Grunde mehr oder weniger fehlerhafte
Resultate liefern müssen, weil die der Rechnung zu Grunde gelegten Argumente
angenau sind. Diese Ungenauigkeiten lassen sich nicht vermeiden, da selbst bei
der sorgfältigsten Journalführung wegen der nicht zu beseitigenden Fehler im
Steuern, bei der Bestimmung der Deviation des Kompasses und der Fahrt des
Schiffes Länge und Breite nur annähernd genau für einen gegebenen Augenblick
hergeleitet werden können und auch die wahre Höhe des Gestirns wegen der
Unsicherheit in der Augeshöhe und der Verschiedenheit der Wirkung der irdischen
Strahlenbrechung nur selten genau bestimmt werden kann, ganz abgesehen von
unvermeidlichen Beobachtungsfehlern, die man allerdings durch das Mitteln von
mehreren schnell hintereinander ausgeführten Höhenmessungen wenigstens theil-
weise beseitigen kann. Aus diesen Gründen ist es nothwendig, schon den Schüler
darauf hinzuweisen, dafs die von ihm gefundenen Resultate, obwohl er sie nach
den strengen, aus dem nautisch - astronomischen Dreieck abgeleiteten Formeln
berechnet hat, nur dann Anspruch auf Genauigkeit machen können, wenn die
der Rechnung zu Grunde gelegten Argumente genau richtig sind; und da dieses
aus den oben angeführten Gründen auf See wohl niemals der Fall sein wird, so
ist ihm zu lehren, welchen Einflufs ein Fehler in dem einen oder anderen
Argumente auf das berechnete Resultat hat, und unter welchen Umständen ein
solcher Fehler die größte bezw. kleinste Wirkung ausübt, damit er klar einsieht,
zu welcher Zeit er am zweckmäfsigsten, d. h. mit günstigstem Erfolge, die er-
forderliche Beobachtung anzustellen hat.
Bei den Zeit- und Längenbestimmungen werden zu diesem Zwecke in der
Regel die bekannten Differentialformeln
dt = de + cotg A + sec g
dt = — dh - cosec A + sec m
hergeleitet und eingehend besprochen, in denen bekanntlich dt den Fehler im
Stundenwinkel, de den Fehler in der Breite, dh den Fehler in der Höhe, @ die
Breite und A das Azimuth des Gestirns bezeichnen. Kinen Fehler in der
Deklination pflegt man gewöhnlich aufser Acht zu lassen, weil er nur beim
Monde unter besonders ungünstigen Umständen in Frage kommen kann, und
dieser Himmelskörper überhaupt nur selten zu Zeit- und Längenbestimmungen
benutzt wird.
Nun geben diese Differentialformeln zwar dem mit der Gröfse, dem Zeichen
und der Veränderung der trigonometrischen Funktionen bei veränderlichem Winkel
völlig Vertrauten klare und bestimmte Antworten auf alle Fragen, die hier er-
örtert werden müssen, indessen habe ich gefunden, dafs nur ein sehr geringer
Bruchtheil von unseren Navigationsschülern in der Lage ist, sich diese Lehren
der Trigonometrie in der kurzen Zeit soweit anzueignen, um das Erforderliche
aus den Formeln herauslesen zu können. Diese Erkenntnifs hat mich bewogen,
eine graphische Darstellung der durch einen Fehler in der Breite und in der
Höhe auf den Stundenwinkel hervorgebrachten Wirkung zu versuchen, die den
beabsichtigten Zweck vielleicht besser erfüllen dürfte, weil der Anschauunpys-