446 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1896.
Breitseite vorrückt. Wir können also die Trombe als aufrechte, die Böe als
liegende Windsbraut bezeichnen. Die in der heftigen Bewegung begriffene Luft-
masse wird in beiden Fällen mehr oder weniger sichtbar gemacht durch dichte
Nebelbildung in ihr und Aufwirbeln von Staub oder Wasser: einerseits durch die
Säule bezw. den. Trichter, Schlauch und Fuß der Trombe, andererseits durch die
Böenwolke mit dem Wolkenkragen etc.
Aber auch in der langgestreckten Böenfront sind es nur einzelne Strecken
von verschiedener, oft offenbar sehr geringer Breite, an denen die Luftbewegung
grofse, unter Umständen zerstörende Kraft erhält, und diese Stellen behalten
während der Fortpflanzung der Böen längere Zeit ihren Ort relativ :zur Böe.
Wie die Tromben, so hinterlassen deshalb auch die Böen, wenn ihre Stärke dieses
Mafs erreicht, lange, annähernd geradlinige Zerstörungsspuren, Aber diese Zer-
störungsstreifen, deren manchmal mehrere von einer und derselben Böe stammen
(vgl. den Gewittersturm vom 9. August 1881), sind viel breiter und weniger zu-
sammenhängend als jene von Tromben: auf einem Streifen von mehreren Kilo-
metern Breite und vielen Kilometern Länge pflegen hier und da ein Haus oder
einige Bäume beschädigt oder vernichtet zu sein, zwischen denen zahlreiche un-
beschädigte stehen, während auf der 10 bis 100 mal schmäleren Spur einer
Trombe die Gegenstände weit gleichmäfßiger getroffen zu sein scheinen. Auch
die Hagelbildung ist auf einzelne Stücke der langen Linienböe beschränkt und
dauert, fortwandernd, stundenlang mit zeitweisen Abschwächungen fort; das
Ergebnifs ist, dafs die Hagelschäden sich auf lange Streifen von einigen Kilo-
metern Breite und vielen, oft Hunderten von Kilometern Länge, manchmal mit
Unterbrechunger, erstrecken; die Hagelschäden pflegen weit zusammenhängender
als die Windschäden und in der Mitte des Striches am stärksten zu sein. Es
sind manchmal dieselben, manchmal auch verschiedene Theile der Böenlinie, die
Sturm und die Hagel bringen.
Nur solche Böen, die isolirt an einem im Uebrigen ziemlich stillen Tage
eintreten, können in ihrem Fortschreiten verfolgt und näher untersucht werden.
Doch auch in ausgedehnten Stürmen, die in jedem Augenblick ein Gebiet von
unregelmäfsig elliptischer Form mit mehreren Hundert Kilometern Durchmesser !)
einnehmen, treten zahlreiche Böen auf, die sich aber nicht genauer verfolgen
lassen, besonders da in diesen Fällen auch die charakteristische plötzliche
Schwankung des Luftdruckes und der Lufttemperatur wenig hervortritt.
Ueber das Verhältnifs zwischen den Böen und Windhosen und über die
Wirbelnatur beider findet der Leser am Schlufs dieses Beitrages einige Bemerkungen.
Eine Aufzählung und nähere Beschreibung der angerichteten Verwüstungen
habe ich fortgelassen, weil sie eher für den Architekten und Forstmann als für
den Meteorologen Interesse bieten könnte. Die Art der angerichteten Schäden
hängt so ganz von den lokalen Umständen im engsten Sinne ab, dafs sie für den
Meteorologen nur selten instruktiv ist. Ob ein Baum entwurzelt oder gebrochen
wird und in welcher Höhe Letzteres geschieht, hängt ganz von dem Boden, der
Bewurzelung, Kronenbildung und Härte des Holzes ab; den Versuch des Herrn
William Blasius, daraus den Nachweis für das Uebereinanderwehen zweier ver-
schiedenen Luftströme zu ziehen, halte ich für durchaus verunglückt. Wie in
den Wäldern bei Crossen, so wurden mir auch im Wahlsdorfer Holz einzelne
Bäume gezeigt, die während des Bruches in eigenthümlicher Weise gedreht
worden zu sein scheinen, so dafs die Fasern zum Theil umeinander gewunden
sind; hieraus abzuleiten, dafs der Baum zur Zeit des Bruches das Centrum eines
orkanmäfsigen Wirbels gebildet habe, scheint mir noch zu unsicher; es mag ja
sein, dafs innerhalb der Windsbraut sich Wirbel von der Grölse unserer gewöhn-
lichen Strafsenwirbel in orkanmäfsiger Stärke vorfinden, die solche Wirkungen
zur Folge liaaben; nur den Beweis aus den von mir gesehenen Fällen halte ich
für unmöglich. ;
Auch über die Art der Windschäden an Gebäuden werde ich nur wenig
erwähnen, weil sie ohne Kenntnifs der Bauart, Festigkeit und Lage der betreffenden
Wände, Dächer etc. wenig Lehrreiches bieten. Genug, dafs die Wirkungen so-
wohl bei der Windhose yom 5. Juli 1890 als bei der Gewitterböe vom 10. Juli 1896
1) Die gröfste Ausdehnung des augenblicklichen Sturmfeldes pflegt bei diesen Stürmen im
Gegensatz zu den Böen mit der Richtung des stärksten Windes annähernd zusammenzufallen.