410 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1896.
Königswasser in. vieltausendfacher Verdünnung sich befand, jahrelang stehen
lassen, ohne dafs die Opalescenz sich verlor. In Seewasser verlangsamte sich
die Klärung bei stetiger zehn- bis zwanzigfacher Verdünnung ebenfalls auf Wochen
und Monate, aber sie trat schliefslich doch ein.
3. Mit der Verminderung des Salzgehaltes wächst die Fähigkeit der
(jewässer, sowohl gröfsere Massen von Sinkstoffen aufzunehmen als auch dieselben
länger schwebend zu erhalten. Wo frisches Wasser in Gebiete kommt, in denen
Salzwasser den Schlamm abgesetzt hat, rührt es denselben auf und hält ihn
suspendirt. Diese Eigenschaft des Süfswassers ist von geradezu phänomenaler
Bedeutung für die Sedimentbildung in all den zahllosen Gebieten, wo See- und
Flufswasser um das Platzrecht streiten; wir kommen deshalb an anderer Stelle
noch darauf zurück.
4. In Wasser, das 10° Meerwasser und darüber enthält, fallen die Sink-
stoffe ebenso schnell zu Boden wie im unverdünnten Seewasser. Diese Bestimmung
rührt von Thoulet her, Er verglich die Fallgeschwindigkeiten gleicher Mengen
von Kaolin, von denen die eine in Seewasser aus dem Kanal, die andere in
destillirtem Wasser suspendirt war. Das Seewasser hatte bei 11° C eine Dichte
von 1,0253. Nun fügte er dem destillirten Wasser systematisch gröfser werdende
Mengen von Seewasser zu, schüttelte beide Probirgläser und setzte sie hin. Beide
Flüssigkeiten zeigten nun ein ganz gleiches Verhalten von dem Moment an, in
dem der verdünnten 10%o ihres eigenen Volumens an Seewasser zugesetzt waren.
Die sich daraus ergebende Dichte von 1,00253 oder vielmehr den Ort, wo diese
Dichte jeweilig sich findet, hält Thoulet für die wahre Grenze des Oceans
gegen die Flüsse und Ströme des Festlandes hin und folgert dann ganz folge-
richtig, dafs es nunmehr ein Leichtes sei, diese wahre Grenze einfach mit Hülfe
des Aräometers zu bestimmen,
Auch wenn wir Thoulets Worte in dem beschränkten Sinne auffassen,
in welchem sie doch nur gemeint sein können, nämlich in dem Sinne, dafs diese
Dichte von 1,00253 des Wassers die Scheide sei zwischen fluviatiler und brackischer
Sedimentation, so erscheint es immerhin gewagt, von dem mächtigen Faktor der
Bewegung sowohl des süßen wie des Meerwassers einfach zu abstrahiren. An
den Rändern des nimmer ruhenden Weltmeeres liegen denn doch die Verhältnisse
wesentlich anders als in der engen fixirten Probirröhre des Laboratoriums.
Es erübrigt noch zu bemerken, dafs
5. Temperaturerhöhungen den Absatz auch im Seewasser beschleunigen,
und daß
6. Schichtenbildung bei Anwesenheit von Salzen oder Säuren wegen des
schnellen Falles der Theilchen garnicht oder nur in schwachem Mafse auftritt,
Ueberblicken wir die in den vorstehenden sechs Sätzen festgelegten
Resultate, so ergiebt sich, dafs im Wesentlichen die Sedimentation im Meerwasser
unter ganz anderen Erscheinungen erfolgt als im Süfswasser. Der springende
Punkt ist die Geschwindigkeit, mit der im Gegensatz zu der behaglichen Lang-
samkeit der Süfßswasser-Sedimentation der Niederschlag im Meere erfolgt. Je
stärker der Salzgehalt, um so geschwinder erfolgt der Absatz, jedoch bleibt er
immer noch marin bis zu Verdünnungen mit 90% Sülswasser. Geht die Ver-
dünnung indefs darüber hinaus, so verändert sich alsbald die Fallgeschwindigkeit
der Sinkstoffe; ja bei fortschreitender Vermischung wird das Wasser schliefslich
sogar befähigt, abgelagerte Stoffe vom Grunde emporzuheben und schwebend zu
erhalten. Nur in einem Punkte (5) zeigt die marine Sedimentation Ueberein-
stimmung mit der des Süfßswassers, eine Uebereinstimmung jedoch, die bei den
Temperaturen der heutigen Gewässer von minimaler Bedeutung ist, die indefß
ein nicht zu vernachlässigender Faktor war in Zeiten, wo die Hydrosphäre der
Erdkugel Wärmegrade besafs, wie sie etwa unsere jetzigen Thermen aufweisen.
Es ist klar, dafs das auffallende Verhalten des specifisch schwereren See-
wassers gegenüber dem des leichteren Sülswassers zu mechanisch beigemengten
festen Theilchen Jeden zu Erklärungsversuchen auffordern mufste, der sich über-
haupt mit dem Problem befafßste. So haben wir, um es kurz zu rekapituliren,
am Anfang dieses Aufsatzes Theorien kennen gelernt, die von Männern aufgestellt
worden sind, deren Studium des Gegenstandes längst nicht eingehend genug ist,
um der aufgestellten Theorie durchschlagende Beweiskraft zu sichern. Diese
Männer waren Durham, der zunächst die durch Reibung entwickelte elektrische