374 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1896,
oberfläche über den Meeresspiegel Rücksicht genommen, ist aber zu einem
fehlerhaften Resultat gekommen, wie ganz neuerdings Baschin!) nachgewiesen hat,
Eine Reihe „klimatologischer Zeit- und Streitfragen“ hat Woeiköof unter
diesem Titel in den Jahrgängen 1888, 1891 und 1594 der „Meteorologischen
Zeitschrift“ besprochen. Der Raum gestattet hier nicht mehr als diesen Hinweis,
Dagegen dürfen wir nicht schliefsen, ‚ohne eine der Grundfragen der Klimato-
logie, mit welcher sich in diesem Jahrzehnt viele Forscher beschäftigt haben, zu
berühren: die Frage nach der allgemeinen Cirkulation der Atmosphäre oder dem
Windsystem der Erde, Ä
Bis zum Beginn der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts haben die Meteoro-
jJogen sich den räumlichen Zusammenhang der Vorgänge in der Atmosphäre
wesentlich aus den Beobachtungen am einzelnen Orte und aus dem Vergleich
der Mittelwerthe verschiedener Stationen kombiniren müssen. In diesen scharf-
sinnigen Kombinationen spielte das allgemeine System der Bewegungen der Erd-
atmosphäre eine grofse Rolle, Durch die neuen Einblicke, welche die „synoptische“
Behandlungsweise der gleichzeitigen Witterungszustände durch Karten und Tabellen
gewährte, wurde in den sechziger und siebziger Jahren die Aufmerksamkeit über-
wiegend auf die Einzelerscheinungen und deren Verfolgung über Theile von
Europa und Amerika gelenkt. Aus diesen Untersuchungen gingen dann die
wichtigen Studien über die Bewegungen der Atmosphäre hervor, die 1876 bis 1880
von den norweger Professoren Mohn und Guldberg herausgegeben wurden
and den Anstofßs für die Anwendung der Hydrodynamik auf diese Bewegungen
gaben. Dabei fand man denn mit Ueberraschung, dafs diese Fragen bereits um
[860 herum in genialer Weise von dem Amerikaner Ferrel behandelt worden
seien, dal dieser aber gleichzeitig auch das allgemeine System der atmosphärischen
Cirkulation zwischen Pol und Aequator in den Kreis seiner Betrachtungen und
Näherungsrechnungen .gezogen hatte. Ferrels Lehren über diesen Kreislauf
sind, mit einigen Vervollständigungen, in dem vortrefflichen, 1885 erschienenen
„Lehrbuch der Meteorologie“ von Sprung auf Seite 192 bis 208 dargelegt. Für
die Meteorologie ist seitdem die Frage über das dort Gegebene nicht wesentlich
hinausgekommen; Prof. Oberbeck hat indessen eine andere, mathematisch
korrektere Behandlung derselben geliefert, die mit Ferrels Resultaten und mit
der Erfahrung übereinstimmt, wenn man das, was er als „untere Strömung“ (U)
bezeichnet, als nicht bis zum Erdboden hinabreichend annimmt; anderenfalls ist
sie mit beiden gleichmäfsig in Widerspruch. Die Erscheinungen an der KErd-
oberfläche, die Ferrel mit einbegriffen hat, übergeht Oberbeck ganz. Weit
mehr knüpfen an die Erfahrung die hierher gehörigen Unternehmungen von
Max Möller und Teisserenc de Bort an. ;
{n Deutschland fand die Frage nach der allgemeinen Cirkulation der
Atmosphäre außerhalb des engen Kreises der Fachleute erst Beachtung, als
der berühmte Physiker und Industrielle Werner Siemens 1886 einen Aufsatz
darüber in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie veröffentlichte, Dieser
and einige weitere Aufsätze, die Siemens über den Gegenstand veröffentlichte,
stehen indessen mit den meteorologischen Thatsachen in ungleich geringerer
Uebereinstimmung, als Ferrels zugleich viel weiter durchgeführte Entwickelungen.
Es ist Pflicht des Referenten, dieses zu konstatiren, da Fernerstehende gewöhnlich
einem berühmten „Outsider“ weit lieber folgen, als den minder bekannten Special-
gelehrten des betreffenden Faches, und auch innerhalb dieser letzteren sich der
bestechende Einflufs eines so genialen Mannes geltend gemacht hat. So hat
Pernter geglaubt, die Behauptung von Siemens, dafs zwischen 35° Nord und
Süd auch in den hohen Schichten der Atmosphäre durchweg östliche Winde
herrschen, finde eine Stütze in den Oberbeckschen Rechnungen. Das beruhte
indessen nur auf einem Uebersehen, und der „Antipassat“ wurde von Sprung
in der „Meteorologischen Zeitschrift“ 1890 mit Erfolg in Schutz genommen. In seiner
Antwort in demselben Bande hat Siemens auf Seite 324 sodann die ganz irrige
Ansicht aufgestellt, dafs horizontale Temperaturdifferenzen noch keinen Grund
für Luftbewegungen abgäben, sondern ein Temperaturüberschufs der untersten
Schichten über die adiabatische Temperaturvertheilung in der vertikalen Richtung
dafür entscheidend sei. In Wirklichkeit sind selbst in den Fällen, wo die
"Zeitschrift der Berliner Gesellschaft für Erdkunde“ 1895.