22 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1896,
An der langgestreckten steilen Ostseite lief in halber Höhe sanft ansteigend eine
eigenartige Rinne entlang, die ähnlich wie eine an einem steilen Berge sich hin-
ziehende Eisenbahn aussah. Oberhalb war das Eis anders gebildet, und schien
der obere Theil später wie der untere entstanden zu sein. Bei diesem Berge
war oben etwas ebene Fläche. Die steile Seite, wo die Auflösung vor sich
ging, war auch hier die im Süden. Auch hier trieben in Lee 2 bis 3 Sm ab
zwischen Wind und Wasser viele kleine, weifßsleuchtende Eisblöcke umher, die
bei Nacht passirenden Schiffen sehr gefährlich sein mufsten. Die Wassertempe-
ratur betrug in der Nähe des Berges 9,0° C. Drehungen in der Windrose habe
ich bei diesem wie bei dem ersten grofsen Eisberge während mehrerer Stunden
nicht wahrgenommen.
Bei Dunkelwerden hatten wir noch zwei größere Berge in SO bis 0SO
8 und 15 Sm entfernt. Während der Nacht wurde kein Eis gesichtet.
Am folgenden 22, Februar segelten wir um 7a auf 44° 33’ S-Br und
25° 20’ O-Lg nördlich von einer Reihe von Eisbergen von 100 bis 120 m Höhe
entlang. Vom Topp aus waren südwärts sieben Stück in Sicht, der eine der-
selben hatte eine Längenausdehnung von 1'/2 Sm.
Nachmittags 3" 20” auf 44° 38' S-Br und 27° 35‘ O-Lg passirten wir mit
frischer Nordbriese auf 1 Sm Abstand an der Südseite eines weiteren Eisberges,
dessen Höhe zu 68 m gemessen wurde. Die Wasserwärme hielt sich unverändert
auf 9,4°. Dieser Berg war anscheinend der Auflösung nahe. Er bestand über
Wasser aus zwei Theilen von gleicher Höhe, zwischen welchen die See in einen
engen Kanal hinein brandete. Der östliche Theil stand da wie eine steile Klippe
in Zuckerhutform. Von geschichtetem Kerneis war nirgends etwas wahrzunehmen.
Der ganze Berg bestand augenscheinlich aus hartem, zu Eis gefrorenem blendend
weilsem Schnee, die vom Absturz noch verschonten Seitenwände waren spiegel-
ylatt wie Glasur und glitzerten im Sonnenschein, Gefährliche Brocken des Kis-
berges, über welche die See hinwegspülte, trieben auch hier nach Lee ab.
Um 7" p, eben vor Dunkelwerden, auf 44° 40 S-Br und 28° 38' O-Lg waren
drei grofse Eisberge zwischen NNO und ONO, 6 bis 10 Sm entfernt, und ein
Berg in SO, 6 Sm in Sicht. Da wir mit 12 Knoten Fahrt liefen, nahmen wir
des Eises halber für die Nacht einige Segel ein. Wassertemperatur 9,3° C, Wind
NNE. Ich hätte gern etwas nördlicher steuern lassen, es ging aber nicht.
Während der Nacht wurde kein Eis bemerkt.
Februar 23 um 9* 30” a in 44° 50‘ S-Br und 32° 30' O-Lg wurde ein letzter
grofser Eisberg gesichtet.“
Kapt. Gahde knüpft an seinen Bericht noch folgende Bemerkungen:
„Zur Brauchbarkeit des Thermometers als Fühlhorn gegen Eisberge möchte
ich hier noch bemerken, dafs die von mir während unserer Durchsegelung des
Eisgebietszausgeführten Messungen durchaus nicht dafür sprechen. Bei der An-
näherung an die Eisberge hielt ich das Thermometer stetig im Gange, erhielt
aber durch dasselbe ein völlig negatives Resultat. Bei der Annäherung an den
arsten grofsen Eisberg bis auf 1500 m Abstand stieg die Temperatur von 9,9°
auf 10,3° C, und am folgenden Tage wurde in Sicht von Eis sogar eine höchste
Temperatur von 11,4° abgelesen. Zwischendurch liefen in den stündlichen
Messungen Schwankungen bis abwärts zu 8,3° C, wobei zuweilen gar kein Eis in
Sicht war. Die mittlere Temperatur des Wassers sollte nach dem Atlas der
Seewarte in diesem Meeresstriche 9,5° C betragen. Ich halte deshalb, wie dies
auch die Beobachtungen anderer Kapitäne dargelegt haben, den Gebrauch des
Thermometers um die Annäherung an das Eis zu erkennen für ganz nutzlos. Der-
selbe braucht für diesen Zweck gar nicht in die Hand genommen zu werden,
denn besonders in dieser Region der sogenannten Wärme-Inseln kommen ganz
ohne Einwirkung des Eises schon auf ganz kurzen Entfernungen Unterschiede in
der Temperatur bis zu 4° vor. Ein Sinken der Temperatur um einige Grade
kann hier kaum als besondere Warnung aufgefalst werden. Abweichungen von
1°, auf welche Seite 18 des „Segelhandbuches für den Indischen Ocean“ die
Aufmerksamkeit gelenkt wird, besagen nichts. Ich bin der Ansicht, dafs verein-
zelte Eisberge die Temperatur des Wassers erst in einer solchen Nähe beein-
flussen, wo ein Ausweichen unter Umständen gar nicht mehr ausführbar ist, Hs
ist erklärlich, daß, wenn durch einen Eisberg Temperaturen der Umgebung von
{0° nicht berührt werden, dies mit den geringeren Wärmegraden der höheren