es aber, den leitenden Gesichtspunkt bei der Gründung der Deutschen Seewarte
nicht aus den Augen zu verlieren und sich mit Dankbarkeit des Mannes zu er-
innern, der in diesem Geiste die wichtige Schöpfung ins Leben gerufen hat.
Den ersten Anstoß zur Schöpfung des Nautisch-Meteorologischen Instituts,
wie es heute besteht, bildete — abgesehen von dem Bestehen des Instituts
der Norddeutschen Seewarte — die Reorganisation des Sturmwarnungswesens an
der deutschen Küste. Bekanntlich bestand unter den Auspicien des verdienst-
vollen Leiters des Königlich preufsischen Meteorologischen Instituts Geheimrath
Dove ein Sturmwarnungsdienst an den deutschen Küsten. Die verheerende
Sturmfluth in der Nacht vom 12. auf den 13, November 1872 hatte die Noth-
wendigkeit eines ausgebreiteten Sturmwarnungssystems für unsere Küste
erwiesen, und der immer rege Geist des Herrn von Stosch ergriff diese
Gelegenheit, um die Möglichkeit und Zweckmäfsigkeit eines Sturmwarnungs-
dienstes zur Frage zu stellen. Im April des Jahres 1873 tagte eine durch
das Reichskanzleramt in Berlin berufene Kommission, welche sich mit dieser
Frage zu befassen hatte und deren Bericht auf dem im September desselben
Jahres in Wien tagenden Meteorologen - Kongresse den Ausschlag dahin gab,
dafs das Sturmwarnungswesen in Europa und insonderheit an den deutschen
Küsten auf neuer Grundlage einzurichten sei. Mit dieser wichtigen Angelegen-
heit wurde nun durch den Chef der Admiralität die Begründung, oder in mancher
Hinsicht die Umgestaltung eines Instituts unter der Bezeichnung „Deutsche See-
warte“ in glücklichster Weise in Verbindung gebracht. Letzteres leuchtet um
so klarer hervor, als die Pflege der maritimen Meteorologie eine besondere Auf-
gabe der Norddeutschen Seewarte bildete und die Verbindung des Sturmwarnungs-
wesens damit nur in förderlichster Weise zu wirken vermochte. Es war nun
aber die bestimmt ausgesprochene Ansicht des Chefs der Admiralität, dafs das
neu zu gründende Institut nicht bei der Pflege der maritimen Meteorologie stehen
bleiben durfte; seinem klaren Geiste war es einleuchtend, dafs auch den anderen
Wissenszweigen der praktischen Navigirung, wie der Lehre von der Anwendung
des Magnetismus in der Navigation und der Chronometrie, worin bisher in Deutsch-
land nur Weniges, jedenfalls nicht Genügendes geschehen war, eine gründliche
Sorgfalt gewidmet werden müsse. Dies war um so einleuchtender, als dadurch
nicht nur die wissenschaftliche Arbeit der Hydrographie und Meteorologie im
engeren Sinne gefördert, sondern auch die Gediegenheit der praktischen Navi-
girung auf den verschiedensten Gebieten wesentlich erhöht werden mulfste.
Von solchen und ähnlichen Erwägungen ausgehend, wurden seitens des
Chefs der Admiralität die erforderlichen Anordnungen getroffen, um ein so
gestaltetes Institut in erster Linie zum Vortheile der Handelsmarine ins Leben
treten zu lassen, und dabei mufste die Frage erwogen werden, inwieweit man an
das bereits bestehende, vom Reiche subventionirte Privatinstitut anzuknüpfen
vermöchte. Hierbei war es von Wichtigkeit, die geschaffenen Anfänge eines
maritim - meteorologischen Beobachtungs- und Sammelsystems zu benutzen und
dafür Sorge zu tragen, dafs die darauf Bezug habenden, begonnenen Arbeiten eine
Unterbrechung nicht erfahren müfsten. Eine der für das zu schaffende Institut
bedeutsamsten Vorfragen bestand in der befriedigenden Erledigung der Personal-
fragen, und hier war es, wo der einstige Chef der Kaiserlichen Admiralität,
welchem die Seewarte unterstellt werden sollte, persönlich in die betreffenden
Anordnungen und erforderlichen Unterhandlungen in wirksamster Weise eingriff;
nichts schien ihm von gröfserer Bedeutung als die Vermeidung von Mifsgriffen in der
Wahl des Personals. Wenn es in der Folge nicht möglich geworden ist, allen Er-
wartungen und Ansprüchen gerecht zu werden, 80 lag das in der Natur der Sache;
konnten auch verschiedene widerstreitende Erörterungen nicht vermieden werden,
so hat doch der Erfolg gelehrt, in wie vorsorglicher und gewissenhafter Weise
hierin zu Werke gegangen worden war. Das durch ein langes Wirken im
öffentlichen Leben geschulte Urtheil des Herrn von Stosch über Personen war
hierin, wie in den meisten anderen Vorfragen, von hervorragendem Vortheile für
das Institut. In vergleichsweise kurzer Zeit war die Arbeit der Organisation
3oweit geführt, dass die deutsche Seewarte mit dem Beginn des Jahres 1875 fast
auf allen Gebieten der ihr zugewiesenen Thätigkeit die Arbeit aufnehmen konnte.
Es mufs hier aber hervorgehoben werden, dafs dies nur dadurch möglich werden
konnte, dafs sich das neuerrichtete Institut an die bereits zu tüchtiger Arbeits-
290 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1896,