Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1896.
neue Methode der Behandlung des riesenhaft sich anhäufenden Materials gewünscht
werden muß. M. H., ich komme hier auf einen ziemlich wunden Punkt, der
das internationale Zusammenarbeiten auf diesem Gebiete berührt, welches aber
nicht von der erwünschten KEinheitlichkeit ist. In England arbeitet man nach
einem eigenen System, in Holland arbeitet man in der bezeichneten Weise mit
uns. Wieder andere Nationen sind gewillt, mit dem gesammelten Material in
anderer Weise, abweichend von unserem System, zu verfahren. Namentlich war
es der sehr verdienstvolle russische Admiral Makaroff, der mit einem Plane
hervortrat, der eine Veröffentlichung der meteorologischen Beobachtungen in
extenso wenigstens für eine Anzahl von Jahren einschliefst. Ich habe mit dem
genannten Admiral vielfach verhandelt und habe ihm gezeigt, dafs, wollten wir
das in Bezug auf unser Institut anstreben, wir ungefähr eine Summe von nahezu
200 000 Mark nöthig hätten, um nur für einige Jahre unser deutsches meteoro-
logisches und hydrographisches Material zu verwerthen. Das ist aber ganz aus-
geschlossen, und hoffe ich, dafs man sich mit der Frage der Verwerthung des-
selben in der Tagesordnung der nächsten meteorologischen Konferenz, welche
im Laufe dieses Jahres in Paris stattfinden wird, beschäftigt und entscheidet, ob
der eingeschlagene Kurs weiter befolgt werden solle oder nicht. Ich glaubte,
dies erwähnen zu müssen, um anzudeuten, wie komplicirt und umfassend sich
die Arbeiten im Laufe der Zeit gestaltet haben.
Eine zweite Verwerthungsart des Materials besteht in der Herausgabe der
täglichen synoptischen Wetterkarten über das ganze Gebiet des Nord-
atlantischen Oceans, sofern es von der Schiffahrt berührt wird. Diese Arbeit
erscheint in Gemeinschaft mit dem dänischen meteorologischen Institut und ist
gleichfalls in erfreulichem Fortgang begriffen, so dafs wir also auf der einen
Seite die Quadratarbeit als eine klimatologische Arbeit, auf der anderen Seite
die synoptische Arbeit der täglichen Wetterkarten ‘auf dem Nordatlantischen
Ocean zu fördern uns bemühen. Die Direktion der Seewarte war bestrebt, den
synoptischen Karten eine besondere Beachtung dadurch zu sichern, dafs sie sie
in reichem Mafse an unsere mitarbeitenden Seeleute austheilt. Aber nicht blo(s
die Karten.an sich und ohne einen Kommentar gelangen zur Vertheilung, sondern
es giebt die Seewarte seit etwa sieben Jahren eine sogenannte „Vierteljahrs-
Wetter-Rundschau“ über den Nordatlantischen Ocean heraus. Hierdurch
wird die Bedeutung der synoptischen Arbeiten für jeden einzelnen Zeitabschnitt
beleuchtet und dadurch eigentlich erst dieser wichtige, der Neuzeit entstammende
Theil unserer Forschungen zur Entwickelung und Verwerthung geführt.
Seit 1891 ist die Deutsche Seewarte beauftragt mit der Herausgabe von
Küstenbeschreibungen. Es ist eine eigene Sektion dafür gebildet, die unter
dem Herrn Kapt. z. S. z. D., Chüden, ihre Thätigkeit entfaltet. Auch diese
Branche ist in der erfreulichsten Weise in der Entwickelung fortgeschritten. Es
sind die Meere an dem atlantischen Gestade Europas, der Englische Kanal eto.,
bereits veröffentlicht. Gegenwärtig ist das Mittelländische Meer in der Bear-
beitung, die Küste von Marokko und die Küste von Nordafrika überhaupt. Auch
darin hat insofern bereits in der Verbreitung maritimer Werke ein Wandel statt-
yefunden, als diese Werke, die ursprünglich zu einem sehr billigen Preise vom
Reichs-Marine-Amt für das Publikum käuflich zu erwerben waren, nun gröfsten-
theils auch unentgeltlich an unsere Mitarbeiter gehen. Eine weitaus gröfsere,
amfassendere Arbeit, die eine internationale Bedeutung hat, ist die Herausgabe
der Segelhandbücher für die grofsen Oceane. Die Seewarte befindet sich in
der glücklichen: Lage, mitzutheilen, dafs vor wenigen Wochen der Atlas für den
Stillen Ocean erschienen ist. Von 31 Karten, die nach dem gegenwärtigen
Stande der Wissenschaft alle physikalischen, für den Seemann wichtigen Ver-
hältnisse enthalten, dürfen wir mit einiger Befriedigung Kkonstatiren, dafs diese
umfassende Arbeit fast nur auf deutschem Material beruht. Abgesehen davon
also, dafs sie sich in den grofsen Rahmen der internationalen Arbeit einfügt und
dadurch die Serie solcher Werke ergänzt, hat sie auch noch den grofsen Werth,
dafs sie, wie gesagt, nur deutsches Material giebt, also zur Vergleichung mit
verschiedenen anderen Werken ähnlicher Art auffordert. Das „Segelhandbuch
für den Stillen Ocean“ ist im Druck begriffen und erscheint voraussichtlich im
Laufe der nächsten 8 oder 10 Monate. Damit ist die Reihe der Segelhand-
bücher über sämmtliche Oceane, die vom Handel und Verkehr berührt werden,
254