200 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1896.
Lootsenführung kreuzten wir gegen westliche Winde den Golf von St. Vincent
hinunter, passirten am Mittage des 18, Dezember die Althorp-Inseln und erreichten
am folgenden Tage Port Pirie, oder richtiger gesagt, die Rhede von Port
Germein. In Port Pirie war anfänglich kein Löschplatz für uns frei; erst am
21. Dezember konnte das Schiff in den Hafen gelegt werden.
Port Pirie ist der schlechteste Hafen, den ich je besucht habe. Die Wassertiefe
beträgt bei Niedrigwasser 5m (16'% Fuls engl.), an den Pieren oder Brücken
an manchen Stellen noch weniger. Schiffe mit einem solchen oder gröfseren
Tiefgange kommen daher mit jeder Tide an den Grund, was als „custom of the
port“ aufgefafst wird. Für starke eiserne Schiffe ist so etwas nun freilich nicht
gefährlich, denn der Grund ist weich und schlickig. Ein grofser Uebelstand
besteht aber darin, dafs längsseits der Brücke nur gerade weit gemug gebaggert
ist, um für ein größeres Schiff bei Hochwasser den genügenden Raum und die
nöthige Wassertiefe zu schaffen. Ein demselben auf Seite liegendes Schiff,
welches etwa 4 Fufs Wasser weniger unter dem Kiele hat, wird bei fallendem
Wasser bald auf Grund gerathen und nach der einen oder anderen Seite hinüber-
fallen. Neigt es sich nach aufsen, so kann es von Glück sagen, im anderen
Falle ist eine grofse Beschädigung beider Schiffe unvermeidlich. Obwohl Letzteres
sich schon des Oefteren wiederholt hat, ist man doch noch kaum auf eine
Besserung dieses Mifsstandes bedacht gewesen, denn die meisten Brücken sind
Privateigenthum, und der Hafenmeister hat wenig Einflufßs, Aus diesem Grunde
ist Port Pirie ein Hafen, den man möglichst meiden sollte, wenigstens mit
Schiffen, die einen Tiefgang von über 16 Fufs engl. haben. Es sind nur wenige
Stellen im Hafen vorhanden, an denen bei Niedrigwasser 16 Fufßs Wasser stehen
bleiben. Die Klausel in der Charterpartie „where she (das Schiff) can always lie
afloat“ ist eine blofse Redensart und wird auch durch die andere Klausel „the
custom of the port“ hinfällig. Als „custom of the port“ gilt, dafs die Schiffe
mit Hochwasser in den Hafen geschleppt werden; was später mit ihnen geschieht,
ob sie Schaden erleiden oder nicht, darum kümmern sich die hiesigen Agenten
wenig. Die einzige Beruhigung des Schiffsführers liegt in dem Gedanken: „Was
andere Schiffe vertragen konnten, wird auch wohl das deinige aushalten.“
Seitdem ich dieses niedergeschrieben, hat sich auch richtig ein bedeutender
Unfall ereignet, Das neue grofse englische Schiff „Owence“ erlitt solche Be-
schädigungen, dafs es nach seiner Entlöschung nach Adelaide geschleppt werden
mufste, um dort zu repariren. Dem Schiffe waren Spanten, Balken, Schanzen
nebst Stützen etc. zerbrochen und zwei Platten unter dem Scheergange ein-
gedrückt.
Eine weitere grofse Gefahr für die Schiffe, nämlich die eines Brandes,
liegt in der geradezu polizeiwidrigen Errichtung einer Kokerei am Südende des
Hafens, welche Tag und Nacht in Arbeit ist, unmittelbar neben der Brücke, an
welcher die kleinen Schiffe ihre Holzladungen löschen. Dieses Holz lagert hier
so lange, bis es verkauft ist. Fast am ganzen Hafen entlang wechseln aufserdem
Holz- und Kokelager miteinander ab. Da es nun in Port Pirie im Sommer gar-
nicht regnet, der vorherrschende Südost- bis Südwestwind die Funken aus der
Kokerei den trockenen Holz- und Kokemassen zutreibt, so ist die Feuersgefahr
wahrlich eine sehr grofse. Sollte sich ein solches Unglück gerade bei Niedrig-
wasser ereignen, so würden sämmtliche grofse Segelschiffe rettungslos verloren
sein. Als einer großen Belästigung ist noch des immerwährenden Staubes zu
erwähnen, der von Sand, Kohlen und Koke herrührt und den Schiffen zugeführt wird.
Am 25. Januar 1892 konnten wir Port Pirie wieder verlassen, um die
Reise nach Saigon anzutreten. Zwei Schleppdampfer schleppten uns nach der
Rhede von Port Germein, woselbst abends konträren Windes wegen geankert
werden multe. Am folgenden Morgen setzten wir die Reise im Tau eines
Dampfers fort bis zu den Eastern Shoals, wo abermals wegen Gegenwind und
Gegenstrom geankert werden mufste. Nach längerem Aufenthalt, entweder vor
Anker liegend oder gegen südlichen Wind kreuzend, erhielten wir endlich in der
Nacht vom 29. zum 30. Januar Landbriese aus ESE, mit der wir den Spencer-
Golf hinunterlaufen konnten. Am Vormittage des 30. Januar wurden die Althorpe-
Inseln passirt,
Banka-Strafse. Am Schlusse der Reise nach Saigon, auf welcher die
Route um Kap Leeuwin und durch die Sunda-Strafse genommen und Anjer in der