accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 24 (1896)

122 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1896. 
Das Meer toste und brauste in diesen Tagen noch ärger als in jener Weihnachts- 
nacht und drohte, das so mühsam befestigte Sandeiland zu verschlingen. Diese 
Befürchtung hat sich, Gott sei Dank, nur in sehr geringem Maße erfüllt. Die 
Düne ist, soweit es sich übersehen läfst, vollständig erhalten geblieben, aber es 
bedarf wieder tüchtiger Arbeit, um den dauernden Bestand zu sichern. Für das 
Unterland, dessen Strand natürlich überfluthet war, lag keine Gefahr vor, da der 
Wind nordwestlich war, während er voriges Jahr aus NE wüthete. 
Insel Sylt, den 7. Dezember, Seit letztverwichenem Mittwoch tobte 
hier ein furchtbarer Sturm, zuerst aus SW und nachher aus NW, begleitet von 
starken Hagelschauern, Regenböen und orkanartigen Windstöfsen, infolgedessen 
die Meeresfluth an unserem Weststrande grofsen Schaden angerichtet hat. Die 
brandenden Wogen stürzten sich auf den Vorstrand, stauten hoch an den Fuß 
der Dünen hinauf und haben grofsen Schaden verursacht. Stellenweise ist der 
westliche Abhang der Dünen steil geworden wie eine Mauer, so dafs er nicht zu 
erklimmen ist. An dem Badestrande hat die Fluth furchtbar getobt; der Strand 
selbst, d. h. der Vorstrand, ist mehrere Fufßs abgeflacht worden, ja stellenweise 
bis an den Urboden, Die Wandelbahn zwischen dem Herren- und Damenbade- 
strand ist völlig fortgerissen worden, nur einzelne Ständer sind stehen geblieben. 
Auch auf der Binnenseite unserer Insel haben mindestens zwei Sturmfluthen in- 
folge des Unwetters eine größere Höhe erreicht, als es in den letzten 20 bis 
30 Jahren der Fall gewesen ist. Alle unsere Marschwiesen sind tief überschwemmt 
gewesen. In den Dörfern Rantum, Westerland, Tinnum und Archsum stieg die 
Fluth zu einer besorgnifserregenden Höhe, An der Tinseburg, südlich von 
Tinnum, staute die Fluth mehrere Fufs hoch und brandete stark an dem Burg- 
wall. In Westerland und Tinnum gingen alle Niederungen unter Wasser, so dafs 
das Wasser stellenweise in die Dörfer eindrang. 
Der Signalist der Seewarte zu Keitum (Sylt) berichtet: „Beim Umspringen 
des Windes am 5. von SW auf NW stieg das Wasser hier sehr stark. Am 
6. morgens war das Wasser während der Fluth an der Ostseite der Insel ebenso 
hoch, wie im Jahre 1825 und Dezember 1894. Da die Sturmwarnung durch das 
Signal rechtzeitig bekannt wurde, ist kein Verlust an Vieh hier vorgekommen, 
aber am Weststrande hat Wind und Wasser stark gehaust. Ein Schoner strandete 
bei Kampen.“ 
Bremen, den 7. Dezember. In der letzten Nacht gegen 12 Uhr kam ein 
von Regen- Schnee- und Hagelböen begleitetes heftiges Gewitter zum Ausbruch. 
Der orkanartige Sturm aus westlicher Richtung richtete glücklicherweise in unserer 
Stadt keinen nennenswerthen Schaden an. Von hiesigen Telephonleitungen sind 
heute weniger als gestern gestört. Dagegen ist die telephonische Verbindung 
mit Hamburg, Hannover und Berlin unterbrochen. Im Freihafen war der Hoch- 
wasserstand heute -}- 1,52 m. ; 
Geestemünde, den 6, Dezember. Das am Donnerstag Abend allgemein 
erwartete Abflauen des Sturmes trat nur für kurze Zeit ein. Schon gegen 8 Uhr 
abends kamen wieder heftige Regenböen aus West und WNW herangezogen. 
Die Windstärke nahm in den Böen fortwährend zu und erreichte zwischen 
1% und 2'% Uhr ihre gröfste Höhe, während gleichzeitig ein Gewitter mit 
grellen Blitzen im Norden am Himmel stand. Die Wassermassen wurden mit 
aller Gewalt in die Flüsse hineingepeitscht, und die Fluth schwoll zu einer aufser- 
ordentlichen Höhe an. Besonders in der Zeit von 12 bis 2 Uhr stieg das Wasser 
in beängstigender Weise und erreichte schon um 2! Uhr einen Stand, der 
demjenigen der Sturmfluth im Februar 1894 gleichkam, dabei sollte erst um 
4 Uhr 36 Min. Hochwasser sein. Von 3 Uhr ab wuchs das Wasser indefs nicht 
mehr und fiel dann bald, noch bevor die Zeit des Hochwassers erreicht war. 
Hamburg. Nach den von allen Seiten eingehenden Nachrichten waren 
die verheerenden Wirkungen der Sturmfluthen an den abbrüchigen Ufern unserer 
Westseeinseln, der Schutzwerke und der Deiche verhältnifsmäfsig gröfser als in 
der vorjährigen Dezemberfluth. Diese Erscheinung dürfte dahin zurückzuführen 
sein, dafs das Wasser während der Ebbe wenig zurücktrat und daher eine solche 
Höhe erreichte, dafs sie der Oktoberfluth von 1881 nicht nachgab. Selbst auf 
der höchsten Hallig, Hooge, wurden nicht nur die Fäthinge, sondern auch die 
meisten Brunnen versalzt, ebenso auf Gröde und Habel. Das Südufer Föhrs 
verlor einen etwa 3 bis 8 m breiten Erdgürtel, und die im Zusammenhang mit
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.