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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1896.
lichen natürlichen Hafenplätzen. An diese wenigen Punkte schliefsen sich die
inneren _Verkehrsstrafsen, Eisenbahnen und schiffbare Flufsläufe an, Eine Folge
dieser Verhältnisse ist es, dafs 91°%o des gesammten russischen auswärtigen
Handelsverkehrs, nach dem Ladungsvermögen der Schiffe berechnet, durch blofs
14 Hafenpunkte vermittelt werden, während auf sämmtliche übrigen nur 9%
entfallen. Das ist der Grund, weshalb bei dem unternommenen Umbau ‘der
russischen Hafenanlagen die Anweisungen in allererster Linie auf jene bedeuten-
deren Anlagen verwendet werden mufsten und kleinere Anlagen erst in zweiter
Linie nach Mafsgabe der allerdringendsten Nothwendigkeit in Betracht kommen
konnten. Das schliefst aber keineswegs die Erkenntnifs aus, dafs auch die
kleineren Hafenanlagen die ernsteste Beachtung und Aufmerksamkeit verdienen.
Eine grofse Anzahl solcher Häfen erfordert dringend eine Verbesserung ihres
derzeitigen Zustandes, und es ist füglich nicht zu erwarten, dafs ohne eine solche
die Kabotage-Schiffahrt. längs den russischen Küsten sich entwickeln und die
russische Handelsflotte für internationalen Verkehr eine solide Basis für ihre
Fortentwickelung gewinnen könnte.
In Erwartung des Zeitpunktes, da die Erfolge der Arbeiten an den Haupt-
hafenplätzen die Aufwendung gröfserer Beträge für die Bedürfnisse der Häfen
von untergeordneter Bedeutung gestatten werden, hat die Kommission bereits
Voruntersuchungen für die Inangriffnahme einiger weiteren Arbeiten ausführen
Jassen, für welche zum Theil auch schon die Entwürfe ausgearbeitet vorliegen,
so z. B. für die Hafenplätze von Anapa, Tuapsch, Sotscha, Jeisk, Temrjuk,
Genitschewsk und Derbent. Es sind ferner Vermessungen in den Dnjestr-
Mündungen sowie in dem Kilia-Arm der Donau-Mündungen im Gange, welche
unter Anderem die Frage klarzustellen bezwecken, wie weit es möglich wäre,
ınter Aufwendung von nicht zu grofsen Ausgaben, wenn auch nur vorderhand
kleineren Schiffen den Zugang durch den bezeichneten Donau-Arm an die russischen
Donau-Häfen zu eröffnen.
Hand in Hand mit den eigentlichen Hafenausbauarbeiten gehen die Arbeiten
zwecks Ausrüstung der Hafenaulagen. In manchen Fällen wurde die Ausrüstung
für Rechnung der für die betreffenden Hafenbauten bewilligten Anweisungen aus-
geführt. Die bedeutendste Anlage dieser Art waren die im Hafen von Mariupol
eingerichteten Elevatoren für Steinkohle, mit denen ganze Wagenladungen Stein-
kohle mit einem Male in die Seeschiffe geschüttet werden. Diese Elevatoren
sind nach dem Vorbilde der in den besteingerichteten Steinkohlenhäfen Englands
funktionirenden mechanischen Einrichtungen ausgeführt worden. Zur Zeit ist der
Beschlufs gefafßst worden, für Rechnung der Staatsrentei ähnliche Verladungs-
einrichtungen für Naphtha in dem für Naphthafrachten speciell eingerichteten Becken
des Odessaer Hafens anzulegen. Andererseits wurde in einigen Fällen die Aus-
rüstung der Hafenanlagen den in dieselben einmündenden Eisenbahnen überlassen.
Auf diese Weise entstanden die Eisenbahn-Elevatoren (Korn-Silospeicher) in den
Häfen von Reval, Nikolajew und Noworossijsk. Im letzteren Hafen unterhält
die Gesellschaft der Wladikawkasischen Eisenbahn aulserdem eigene Depots und
Anlegeplätze. Dieselbe Gesellschaft legt Depots auch im Hafen von Petrowsk an.
Gegenwärtig werden von der Verwaltung der Staatseisenbahnen Lager-
häuser in Feodossia angelegt. In einigen weiteren Fällen wurde die Ausrüstung
selbst Privatunternehmern überlassen. So sind z. B. am St. Petersburger See-
kanal von den Ingenieuren Boreischa und Maximowitsch Getreidelagerhäuser
sowie ein Silospeicher angelegt worden; in Batum sind sämmtliche Einrichtungen
zum Füllen von Naphthatransportschiffen von den Exporteuren geschaffen worden;
in Odessa findet die Entlöschung von Naphthafrachten bis jetzt durch Pumpwerke
and Rohrleitungen statt, deren Urheber die russische Gesellschaft für Dampf-
schiffahrt und Handel ist. In Baku endlich, welches als Muster eines natürlichen
Hafens dem Staatsfiskus keine Anlagekosten verursacht hat. sind sämmtliche
Anlegeplätze von Privaten angelegt worden.
Zum Schlufs wäre zu erwähnen, dafs von der Kommission während der
Zeit ihrer Wirksamkeit 17 Lieferungen „Materialien für die Beschreibung russischer
Handelshäfen“, sowie zwei Lieferungen des „Atlas russischer Handelshäfen“ her-
ausgegeben worden sind, die ein vorzügliches Quellenwerk für Alle abgeben, die
sich für das Hafenbauwesen in Russland interessiren.