Mensing: Versuche mit Gastonnen in der Aufsenjade.
)
57
Bei einer Untersuchung der Lage der Punkte in Fig. 3 kommen wir zu
ähnlichen Resultaten und können ebenso zwanglos die Kurven AB und AC
ziehen, wenn auch hier die Punkte nicht so genau in die Kurven zu liegen
kommen wie in Fig. 4. Es ist das aber nicht auffällig, wenn wir bedenken,
wie es viel leichter sein mul, unter verschiedenen Beobachtern darüber ein
gleichmäfsiges Urtheil zu erzielen, ob ein Feuer „sichtbar“ ist oder nicht, als
wenn es sich darum handelt, zu unterscheiden, ob dasselbe „gut sichtbar“ ist
oder nur „sichtbar‘‘.
Dals die von den Feuerschiffen gemachten Beobachtungen dem durch die
Kurven gegebenen Mittelwerth nicht immer so genau entsprechen können wie die
auf festem Standpunkte gewonnenen, wird mit der See bekannten Männern gleich-
falls nicht auffällig sein.
Vergleichen wir nun zunächst die Kurve Z Y mit ZW und AB mit ACC,
so ergiebt sich, dafs die von den festen und hochgelegenen Stationen‘)
ermittelte Sichtbarkeit der nämlichen Tonnenfeuer zweifellos eine
wesentlich bessere war, als die von den Feuerschiffen ermittelte.
Wir werden uns nun Rechenschaft über die Umstände zu geben haben,
welche diese Thatsache begründen könnten.
In dieser Beziehung sei zunächst darauf aufmerksam gemacht, dafs die
Kurven ZY und ZW in ihrem Verlaufe weit mehr voneinander abweichen als
die Kurven AC und AB. Wir schliefsen hieraus, dafs diejenigen Umstände,
welche eine Verringerung der Sichtbarkeit von „gut sichtbar“ auf, „sichtbar‘‘
herbeiführen, auch auf die gröfsere oder geringere Divergenz der Kurven einer
Gruppe von Einfluß sein müssen. In der That lassen sich ohne grofse Mühe zwei
Ursachen finden, welche eine Erklärung dieser Erscheinung gestatten.
a) Es ist bekannt, daß die „geographische“ Sichtweite eines Feuers und
die „Entfernung der Kimm“ von einem Beobachter durch die Formel
rh
d = Va
gefunden wird, in welcher d die Entfernung, r den Erdradius, h die Fokalhöhe
eines Leuchtfeuers oder die des Beobachters über dem Meeresspiegel repräsentirt.
Hierbei ist angenommen, daß r bis zur freien Kimm, h von der dieser
entsprechenden Kugelschicht ab gemessen wird.
Bei dem in der Praxis bis jetzt verfolgten Verfahren zieht man nur die
Höhe über den zu einer bestimmten Zeit gegebenen mittleren Wasserstand in
Betracht, vernachlässigt dagegen z. B. in der Kimm auftretende Wellenberge.
Dafs dies nicht richtig ist, wird ohne weitere Erklärung verständlich sein,
ebenso, dal es zur Erlangung eines richtigen d erforderlich ist, die Höhe der
in der Kimm auftretenden Wellenberge (Erhebungen des Wellenkammes über
den ruhenden Meeresspiegel) von dem h der Formel in Abzug zu bringen. Wenn
die Fokalhöhe einer Leuchttonne 4 m, die Augeshöhe eines Beobachters auf einem
Feuerschiffe 3,5 m beträgt, so ergiebt sich hieraus die geographische Sichtweite
des Feuers bei völlig freier Kimm auf 4,20 + 3,92 = 8,1 Sm. "Treten aber in
der Kimm Wellenberge von 1m Höhe auf, so werden wir in der Formel für h
einmal 4,0 — 1,0 — 3,0, das andere Mal 3,5 — 1 = 25 und für d entsprechend
die Werthe 3,64 und 3,31 = 6,95 Sm erhalten.
Wir finden zunächst also, daß die geographische Sichtweite des
Feuers einer Leuchttonne unter den angegebenen Verhältnissen beim
Auftreten von Wellenbergen von 1 m Höhe in der Kimm um ca 1,15 Sm
verringert wird.
Wir haben ‘hierbei die Fokalhöhe der Tonne als konstant angenommen,
während in Wirklichkeit dieselbe durch Ueberliegen der Tonne und durch ihre
Stampfbewegungen leicht um -+ 0,5 m verändert werden kann. Da die Neigung
der Tonne immer eine Verringerung der Fokalhöhe bedingt und da die Tonne
dem hebenden Impuls des Wassers langsamer folgt als dem Gegentheil, so ist
1) Die Höhe des Wangerooger Leuchtfeuers über Hochwasser beträgt etwa 30,7 m, die des
Rother Sand-Leuchtfeuers 23,9 m, die des Beobachtungsstandes „Wangerooger Strand“, neben der
Strandbake, etwa 15m. Die Augeshöhe eines Beohachters auf dem Deck eines Feuerschiffes beträgt
etwa 3,5 bis 4 m.
Ann. d. Hydr. ete., 1895, Heft II.