508 Annalen der‘ Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1895,
Gewittern von Februar bis Mai vom Aequator nordwärts aus, Dieses Vorschieben
einer Gewitterzone nach Norden fällt zusammen mit der Nordwärtsbewegung der
wolken- und niederschlagreichen, relativ kühlen äquatorialen Luftdruckfurche,
welche einerseits das Ziel des Nordostmonsuns der Bai von Bengalen, anderer-
seits das des Südostpassats des südlichen Indischen Oceans ist. Die Luftdruck-
furche rückt gegen ein trockenes, hochgradig erwärmtes Gebiet hohen Luftdruckes,
welches in den Frühjahrsmonaten über der Bai von Bengalen lagert, langsam
vor, Da aber der Luftdruck hier beständig abnimmt, so wird der Druckunter-
schied zwischen dem erwähnten Maximum und der Luftdruckfurche immer geringer;
um Mitte Mai, wenn er verschwindet, breitet sich der Witterungs-Charakter, der
für die Luftdruckfurche eigenthümlich ist: Wolken- und Regenreichthum, kühle
Temperatur, plötzlich nach Norden sehr schuell aus, eine Erscheinung, die als
Ausbruch des Monsuns in Indien und auf der Bai bekannt ist und die die heifse
trockene Jahreszeit beendet. An der nördlichen Grenze der Luftdruckfurche, wo
sich die warmen trockenen Nordostmonsunwinde mit den feuchten von Süden vor-
dringenden Luftmengen mischen, finden zahlreiche Gewitter statt. Sie sind auch
die charakteristische Witterungsform des Monsunausbruchs. Für jeden Ort zwischen
Aequator und Ganges-Mündung spielt sich in der ersten Jahreshälfte derselbe
Witterungsverlauf ab, dessen einzelne Phasen aber im Süden eher eintreten als
im Norden: zuerst Trockenheit, zunehmende Temperatur, Abflauen der nordöst-
lichen Winde, dann Gewitter und schliefslich Wolken- und Regenreichthum,
kühle Temperatur, kräftige Luftbewegung (Südwestmonsun).
Die oben geschilderte Nordwärtsbewegung der Luftdruckfurche mit der
Gewitterzone an ihrer nördlichen Grenze hat einige Aehnlichkeit mit dem Fort-
schreiten einer furchenartigen Theildepression und eines Gewitterbandes an einem
Sommertage in unseren mitteleuropäischen Gegenden. Während aber hier in der
Regel die Richtung der Bewegung westöstlich ist, ist sie dort südnördlich, in
beiden Fällen wird durch das Gewitter ein vollständiger Witterungsumschlag
bewirkt: sehr warmes, relativ trockenes, nahezu windstilles Wetter vor dem Ge-
witter, Wolken, Regen, Abkühlung, kräftige Luftbewegung mit und nach dem
Gewitter. Während aber bei uns durch ein solches Gewitter nur vorübergehend
eine Reihe von heißen Tagen zum Abschlufs gebracht wird, bedeutet in der
indischen Monsunregion der gewitterreiche Ausbruch des Monsuns den Ueber-
gang von einer Jahreszeit zur anderen. Ueberhaupt darf man den Vergleich
nicht zu weit treiben, es ist nur eine Aehnlichkeit, keine Gleichheit zwischen
beiden Vorgängen vorhanden. Verschieden sind vor Allem noch folgende Ver-
hältnisse: ein Gewitterband unserer Gegenden ist als ein Individuum zu betrachten,
dessen Identität man durch den Verlauf der Isobronten nachweisen kann. In
der äquatorialen Zone des Indischen Oceans und der Bai von Bengalen handelt
es sich dagegen nicht um ein einziges Gewitter, welches sich etwa von Februar bis
Anfang Juni vom Aequator zur Ganges-Mündung hinzieht, sondern um zahlreiche
Gewitter, die sich an der nördlichen Begrenzung der erwähnten Luftdruckfurche
bilden, möglicherweise sich von West nach Ost fortpflanzen und dann wieder
verschwinden, während schon neue, vielleicht etwas nördlicher, entstanden sind.
Das Individuum ist hier nicht ein Gewitterband, sondern eine Zone mit Neigung
zu Gewittern, und seine ldentität läfst sich durch „Isobronten“, besser Isozonen
nachweisen, die nicht für ganze oder halbe Stunden, sondern für ganze oder
halbe Monate gezogen sind (a. a. O. Seite 23). In der Geschwindigkeit des
Fortschreitens des Phänomens hier und dort liegt ein weiterer Unterschied. Ein
Gewitter, welches sich in 12 Stunden vom Rhein nach der russischen Grenze
fortpflanzt, legt etwa 15 m in der Sekunde zurück. Der Ausbruch des Monsuns
findet auf Ceylon (8° N-Br) um Mitte Mai, in Calcutta (23° N-Br) um Anfang
Juni statt. Das ergiebt als Fortpflauzungsgeschwindigkeit 1,2 m in der Sekunde,
Der für unsere weitere Betrachtung wesentlichste Unterschied liegt aber
in der täglichen Periode der Gewitter hier und dort. Unsere Sommergewitter
haben ein ausgesprochenes Nachmittagsmaximum, die Gewitter im nordöstlichen
Theil des Indischen Oceans ein mitternächtliches, wie Tabelle I beweist, Die
Aehnlichkeit in den Witterungsveränderungen, die ein sommerliches Gewitter bei
uns und der von Gewittern begleitete Monsunausbruch in der Bai von Bengalen
bewirkt, mochte den Analogieschlufs nahe legen, dafs, wie unsere Sommergewitter,
auch die Gewitter der Bai als „Wärmegewitter“ zu bezeichnen sind. Aber durch