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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 23 (1895)

400 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1895. 
Gegenden mächtige Korallenriffe gab. Die alten Polarmeere, so wird geschlossen, 
müssen eine Temperatur von 65 oder 70° F (18 oder 21° C) gehabt haben, denn, 
wie Dr. Murray und Herr Irvine gezeigt haben, ist die Ablagerung von kohlen- 
saurem Kalk vom Ausscheiden des kohlensauren Ammoniaks abhängig, das den 
löslichen, ijm Seewasser enthaltenen schwefelsauren Kalk zersetzt und so den 
anlöslichen kohlensauren Kalk zur Schalenbildung liefert. Dieser Niederschlag 
geht in kaltem Wasser nur sehr schwer und sehr langsam vor Sich, aber leicht 
and schnell innerhalb der Organismen in warmem Wasser. Dafs die Polarmeere 
in geologischen Zeiten viel wärmer waren als jetzt, ist lange anerkannt worden, 
ınd man hat in gleicher Weise aus der weiten geographischen Vertheilung der 
fossilen Pflanzen- und Thierwelt geschlossen, dafs die klimatischen Verhältnisse 
der Erde früher mehr oder weniger dieselben waren, indem die Ausbildung der 
Unterschiede des Klimas in Zonen anscheinend erst in der mesozoischen Periode 
anfing. Viele verschiedene Ansichten sind aufgestellt, um die gleichförmigen 
Verhältnisse früherer geologischer Zeiten zu erklären — die vom Verfasser für 
am meisten genügend gehaltene ist zuerst von M. Blaudet geäufsert, der diese 
Verhältnisse der sehr viel bedeutenderen Gröfse der Sonne in den ersten Zeiten 
ler Erdgeschichte zuschreibt. Wir zweifeln daran, ob diese Annahme von Natur- 
jorschern oder Geologen sehr unterstützt werden wird — die Letzteren werden 
darauf hinweisen, dafe sehr beweiskräftige Zeugnisse dafür vorliegen, dafs selbst 
in den weit zurückliegenden paläozoischen Zeiten die Temperatur da, wo jetzt 
ansere gemäfsigten Zonen sind, viel niedriger gewesen sein mufs als gegenwärtig. 
Die bemerkenswerthen Zeugnisse einer aufserordentlichen Wirkung des Eises in 
den permischen oder Permo-Steinkohlenzeiten, die in den letzten Jahren in Indien, 
Süd-Australien, Süd-Afrika und Brasilien gewonnen sind, scheinen gegen Herrn 
Blaudet’s Annahme zu sprechen. 
Dr. Murray ist der Ansicht, dals pelagische Algen, Radiolarien und Fora- 
miniferen wahrscheinlich die nur wenig veränderten Abkömmlinge einer sehr alten 
allgemeinen pelagischen Thier- und Pflanzenwelt sind. Leben in seiner einfachsten 
Form erschien sehr wahrscheinlich zuerst in vorkambrischen Zeiten, in dem fein 
vertheilten Stoff, der sich um die Schlammlinie ablagerte. Von diesen einfachen 
Formen stammen höchstwahrscheinlich die pelagischen Protophyten und Protozoen 
ab. Die Thatsache, dafs Radiolarien und pelagische Foraminiferen in vorkam- 
brischen Gesteinen vorkommen, läfst Dr. Murray schlielsen, dafs Radiolarien 
selbst in so entlegenen wie den vorkambrischen Zeiten in gröfserer Menge da 
waren, als in den Meeren der Neuzeit, und ihre Skelette scheinen stärker 
gewesen zu sein. Radiolarien und andere kieselausscheidende Organismen kommen 
in gröfster Menge da vor, wo das Wasser weniger salzig ist und die Oberfläche 
von frischem Wasser beeinflußt wird, das feine Lehmtheilchen aufgelöst wit sich 
führt. Wir erhalten so einen Fingerzeig, dafs der vorkambrische Ocean ver- 
muthlich nicht so salzig war, wie manche Theile der bestehenden Meere, dafs er 
eine verhältnifsmäfsig hohe Temperatur hatte und mehr oder weniger schlammiger 
Art war. Der grofse Reichthum an niedrigsten Organismen in den offenen 
Gewässern früherer Zeiten mußte durch Tod und Verwesung einen grofsen Ueber- 
Aufßs von Nahrung auf dem Boden des Meeres hervorbringen, und dies die 
günstigsten Bedingungen für die Entwickelung der Metazoen herbeiführen. 
Der Verfasser ist der Ansicht, dafs alle hoch entwickelten pelagischen 
Thiere von Vorfahren abstammen, die in dem das Land umgebenden seichten 
Wasser lebten. Wenn der ganze Ocean früher dasselbe Klima hatte, kann man 
annehmen, dafs dieselben Arten von am Boden lebenden Thieren fast überall in 
den Seichtwasser-Zonen vorkamen. Als Abkühlung an den Polen eintrat, 
mufsten Thiere mit pelagischen Larven aussterben oder nach wärmeren Breiten 
wandern. Bei der Beschränkung des Zeugungsvorgangs auf den Sommer sind 
einige dieser Wesen mit freischwimmenden Larven im Stande gewesen, in 
vemäfsigten Gegenden am Leben zu bleiben, aber in tropischen Gegenden und 
solchen mit Korallenriffen haben wir die Ueberreste einer einst allgemein ver- 
breiteten Seichtwasser-Thierwelt. Als sie aus den Polargegenden verschwand, 
wird sie durch Wesen von der tieferen Schlammlinie ersetzt sein, von denen sehr 
wenige pelagische Larven besitzen. So erklärt Dr. Murray die Gleichheit oder 
Aehnlichkeit zwischen der Meeres-Thier- und Pflanzenwelt an beiden Polen; den 
yrrofsen Reichthum an Einzelwesen und die verhältnifsmäfßfsige Armuth an Arten
	        
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