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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 23 (1895)

Geikie: Die Forschungsreise des „Challenger“. 
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fehlte oder nur durch niedrige Formen in grofsen Tiefen vertreten war. „Wie 
im Schwarzen Meere jetzt“, bemerkt er, „so war auch höchstwahrscheinlich in 
Pa Zeiten nicht genügend Sauerstoff: in tiefem Wasser, um eine 
jefsee-Thierwelt zu erhalten. Manche Betrachtungen führen zu der Annahme, 
dafs die Abkühlung an den Polen in den ersten mesozoischen Zeiten begann, 
kaltes Wasser, damals in den Polargebieten niedersinkend, langsam die größeren 
Tiefen ausfüllte, und mit der reicheren Zufuhr von Sauerstoff abwärts das Leben 
in Wasser von größerer Tiefe als der der Schlammlinie möglich wurde; danach 
fanden allmählich Wanderungen von der Schlammlinie in die tieferen Gegenden 
der Meeresbecken statt.“ 
Die Aehnlichkeiten der Ufer-Thier- und Pflanzenwelt in den arktischen 
und antarktischen Gegenden sind sehr merkwürdig und haben zu vielen Muth- 
mafsungen Veranlassung gegeben. Dr. Murray untersucht das durch den 
„Challenger“ gewonnene Beweismaterial mit Bezug auf die Vertheilung der 
Thiere, die in drei grofsen Breitenzonen gefangen wurden, nämlich innerhalb der 
Wendekreise, südlich vom Wendekreis des Steinbocks und nördlich vom Wende- 
kreis des Krebses. Es ergiebt sich daraus, dafs viele Arten, die den Gebieten 
innerhalb der Wendekreise gemeinsam sind, nicht in dem Zwischengebiet vor- 
kommen. Die allen drei Breitenzonen gemeinsamen Arten nehmen im Ganzen 
an Zahl mit zunehmender Tiefe zu, und dasselbe gilt für Arten, die nur in der 
nördlichen und südlichen Zone gefangen wurden, 'aber nicht innerhalb der Wende- 
Kreise. Nur ein verhältnismäßig kleiner Procentsatz der am Boden lebenden 
Thiere hat eine sehr weite Verbreitung über den Meeresboden. Er beleuchtet 
diesen Punkt weiter durch den Hinweis auf die Vertheilung der Arten, die südlich 
vom Wendekreis des Steinbocks gefangen wurden, und von Arten, die in dem 
Gebiet in größeren und geringeren Tiefen als 500 Faden (914 m) gefangen 
wurden, und kommt zu dem Schluß, daß die Zeugnisse keinen genügenden Grund 
zu der Annahme bieten, dafs es eine allgemeine Tiefsee-Thierwelt von hohem 
Alter giebt. „Es sind manche Anzeichen dafür da“, bemerkt er, „dafs die 
Wanderung in die Tiefsee seit den mesozoischen Zeiten ununterbrochen vor sich 
gegangen ist, zur Zeit als möglicherweise die Abkühlung an den Polen anfing, 
und dafs diese Wanderung auch jetzt noch fortdauert. Die Anzeichen dafür, dafs 
sie hauptsächlich von den Polargebieten ausgeht, sind bestimmter, als die für 
eine Wanderung von irgend einer anderen Seite.“ Die Vertheilung der Gattung 
Serolis wird als Beispiel angeführt, wie sich Thiere von der Schlammlinie. in 
tiefere Zonen ausgebreitet haben, und von dem antarktischen Gebiet nordwärts 
über den Boden des Meeres, Es ist aber ganz und gar unwahrscheinlich, dafs 
Uferarten durch die Tiefsee von der Uferzone eines Polargebietes zu der Ufer- 
zone des anderen gelangen können. 
Aufer den eigentlich „benthonischen“ oder unmittelbar am Boden lebenden 
Thieren giebt es noch in den Tiefseegebieten zahlreiche Fische, Krustenthiere 
und andere. Organismen, die innerhalb eines Abstandes von 100 Faden (183 m) 
vom Boden leben und gelegentlich darauf ruhen. Diese Geschöpfe bekommen 
wahrscheinlich ihre Nahrung durch den Fang todter Organismen, die fortwährend 
von der Oberfläche auf den Boden sinken. Nach Dr. Murray scheinen sie eine 
viel weitere horizontale Verbreitung zu haben, als die Oberflächen-Thier- und 
Pflanzenwelt, und häufig wiederholte Schleppnetzversuche führten zu der Annahme, 
dafs alle Zwischenzonen der Tiefe so bewohnt sind. 
Die Organismen an und eben unter der Oberfläche sind in Breitenzonen 
vertheilt — indem eine sehr grofse Zahl von Arten den Tropen, der nördlichen 
gemäfsigten, der südlichen gemäfsigten und der Polarzone eigen ist. Es ist 
bemerkenswerth, dafs die pelagischen Foraminiferen der Tropen in den nördlichen 
und südlichen gemäfsigten Gegenden durch eine kleinere Zahl von Arten mit 
weniger starken Schalen vertreten sind. Ferner sind die zahlreichen pelagischen 
Weichthiere der Tropen mit grofsen Kalkschalen versehen; aber diese Arten ver- 
schwinden allmählich von der Oberfläche bei der Aunäherung an die arktischen 
und antarktischen Gegenden, bis die Gruppe entweder von nackten Arten oder 
von fast ganz gleichen kleinen dünnschaligen Arten in beiden Polargebieten ver- 
treten wird. Diese Beispiele der schwachen Entwickelung von Kalkschalen und 
anderen kalkigen Gebilden in den kalten Polargewässern sind lehrreich, wenn 
man sich erinnert, daß es während früherer geologischer Perioden in diesen
	        
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