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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 23 (1895)

398 ° Aunalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1895. 
Tiefsee und der seichten Polargewässer. Diese und andere Betrachtungen führen 
Ihn zu der Annahme, dafs die fraglichen Thierformen ihrem Ursprunge nach mit 
der Thierwelt der Schlammlinie der gegenwärtigen Periode und der jüngsten 
geologischen Vergangenheit zusammenhängen und von ihnen abstammen. Anderer- 
seits haben die meisten an oder auf dem harten Boden, oberhalb und innerhalb 
der Schlammlinie in subtropischen und besonders in tropischen Gegenden lebenden 
Thiere pelagische Larven und stammen wahrscheinlich gröfstentheils von den 
Thieren der Schlammlinie einer viel weiter zurückliegenden Periode ab. 
Wie wir bereits gesehen haben, tritt mit der Zunahme der Tiefe eine all- 
mähliche Abnahme der Zahl der „Benthos“ oder am Boden lebenden Arten ein, 
während in allen tieferen Zonen die Zahl der Gattungen im Verhältnifs zur Zahl 
der Arten sehr grofs ist -— mit der gröfseren Tiefe allmählich zunehmend, In 
gleicher Weise nimmt das Verhältnifs neuer Gattungen und neuer Arten mit der 
Tiefe und mit dem Abstand vom Lande zu. Die Zahl der auf die seichteren 
Zonen beschränkten Arten ist sehr grofs, 92 Procent in der Zone von 0 bis 
100 Faden (0 bis 183 m) und 75 Procent in der Zone von 100 bis 500 Faden 
(183 bis 914 m), während die Zahl der auf irgend eine der tieferen Zonen 
beschränkten Formen viel geringer ist, nämlich 55 bis 65 Procent. Der Ver- 
fasser glaubt, dafs die Tiefsee höchst wahrscheinlich durch von der Schlammlinie 
abwärts gerichtete Wanderungen bevölkert worden ist, Wenn solche Wanderungen 
zu sehr verschiedenen Zeiten stattgefunden haben, und von sehr verschiedenen 
Theilen der Welt aus, so ist es vielleicht möglich, auf diese Weise die verhältnifs- 
mäßig grofe Anzahl Gattungen in der Tiefsee im Verhältnifs zur Zahl der Arten 
zu erklären. 
Da die Zahl der am Boden lebenden Arten und Individuen mit zunehmender 
Tiefe abnimmt, sollte man erwarten, dafs dasselbe für den Abstand vom Lande 
gelte. Und allerdings gilt es für alle tropischen und subtropischen Gegenden 
des Oceans, aber es gilt nicht für den grofsen Südlichen Ocean, auch nicht für 
einige ähnliche Gegenden der nördlichen Halbkugel, wo durch die Gegenwart 
von Treibeis die Festlandverhältnisse vom Land weit ab verschoben sind. Die 
Abnahme der am Boden lebenden Thiere mit dem Abstande vom Lande kann 
nicht allein von der gröfseren Tiefe an den seewärts gelegenen Stationen her- 
rühren; denn Fänge an dem Lande nahen Stationen ergaben eine viel gröfsere 
Zahl von Arten und Individuen als Fänge in derselben oder in ähnlichen Tiefen 
weiter als 300 Sm vom Lande ab. Ferner haben die Untersuchungen des 
„Challenger“ gezeigt, dafs die längs der Uferlinie liegenden vom Lande stammenden 
Ablagerungen viel mehr Thiere liefern, als die rothen Lehme und Globigerinen- 
Schlicke weiter seewärts gelegener Lagen. Schleppzüge im Südlichen Ocean 
haben aber bewiesen, dafs dieses grofßse Gebiet mit der allgemeinen Regel nicht 
übereinstimmt, denn grofse Mengen von Arten wurden auf allen Sorten von 
Bodenablagerungen, in allen Tiefen und in grofsen Abständen von Festlandsmassen 
gefunden. Dies läfst sich nach Dr. Murray’s Annahme dadurch erklären, dafs 
die Festlandsbedingungen weit nach Norden verschoben sind, wie bereits angedeutet 
wurde; aber er glaubt, dafs das auch von dem gröfseren Reichthum an Nahrung 
kommt, die zu Boden sinkt, und möglicherweise mit Wanderungen von am Boden 
lebenden Thieren aus den Polargegenden äquatorwärts zusammenhängt, 
Die Ergebnisse der Reise bieten keine Stütze für die Annahme, dafs eine 
allgemeine und eigenthümliche Thierwelt von hohem Alter die Tiefsee bewohnt. 
Aber eine gewisse Aehnlichkeit zwischen der Tiefsee-Thierwelt der arktischen 
ınd antarktischen Gebiete läfst sich verfolgen. Aulserdem ist es bemerkenswerth, 
dal viele der Tiefseeformen, besonders die in sehr tiefem Wasser weit weg vom 
Lande gefundenen, Kennzeichen hohen Alters darbieten. Manche von ihnen ver- 
ireten zweifellos sehr alte Gruppen; aber Ueberreste von Thierwelten, die von 
sehr weit entlegenen geologischen Perioden stammten, sind nicht in der Tiefsee 
angetroffen worden, gegen die Erwartung mancher Naturforscher. Sir Wyville 
Thomson war der Ansicht, dafs ein tiefer Ocean, mit einer Bodentemperatur 
am den Gefrierpunkt herum schwankend, von silurischen Zeiten bis zur Gegen- 
wart ununterbrochen bestanden hätte, und dafs es immer eine Tiefsee-Thierwelt 
gegeben hätte. Dr. Murray dagegen neigt zu der Ansicht, dafs die Meeres- 
decken in palaeozoischen Zeiten nicht so tief wie jetzt waren, das Meer damals 
Jurchweg nahezu dieselbe hohe Temperatur besaß, und das Leben entweder
	        
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