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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1895.
2. Das englische wettertelegraphische System hat mit den vorher
besprochenen und dem amerikanischen manche Berührungspunkte. Der Depeschen-
verkehr beschränkt sich fast nur auf das Inland. Die Bericht erstattenden
Beobachter erhalten eine mäfeige Remuneration (260 bis 400 Mk.), die Beobach-
tungen werden nach Simultan- (Greenwich-) Zeit angestellt, die Verwerthung des
wettertelegraphischen Materials erfolgt durch telegraphische Berichterstattung an
Häfen und Zeitungen, durch Wetterkarten, durch Wetterprognosen, welche am
Morgen für 11 Distrikte gegeben werden, und durch Sturmwarnungen,
3. Das amerikanische System ist jedenfalls das zweckmäfsigste und
Jeistungsfähigste. Sämmtliche Telegraphenlinien sind verpflichtet, zu fest-
bestimmten Tageszeiten die nöthigen Leitungen für die Wettertelegramme frei-
zuhalten, Die Telegramme sind zum allergröfsten Theile inländische und werden
nach einer reducirten Taxe bezahlt, die meisten Beobachter gehören zur Armee,
steheu also unter militärischer Disciplin und werden gut besoldet, so dafs also
eine straffe und einheitliche Organisation möglich ist. Bei möglichst geringer
Belastung des Telegraphen erhalten die Witterungsberichte sowie die Wetter-
vorhersagen die rascheste und ausgedehnteste Verbreitung durch das ganze Land,
wobei auch Post und Eisenbahnen zur Mithülfe herangezogen werden. Zu diesem
Zwecke ist ein eigenes System, das sogenannte „Circuit-System“ eingerichtet,
nach welchem zu bestimmten Tagesstunden die nöthigen Leitungen verbunden
werden und die Abgaben der Wetterdepeschen in ununterbrochener und im Vor-
aus fest bestimmter Reihenfolge erfolgen.!) —
Wie das wettertelegraphische Material der Seewarte nach Umfang, Form
und Inhalt beschaffen ist, wie es im Iuteresse des Publikums verwerthet wird
und nach welchen Gesichtspunkten die Wettervorhersagen zum Nutzen der Land-
wirthschaft und der Küstenbevölkerung aufgestellt werden, habe ich in ausführ-
licher Weise an anderen Orten gezeigt;?) ım Folgenden will ich auf Anregung
der Redaktion dieser Zeitschrift die Bearbeitung des Materials oder den eigent-
lichen Wetterdienst an der Seewarte näher besprechen, und zwar aus einem
doppelten Grunde: zunächst dürfte die Einrichtung dieses Dienstes nicht allgemein
bekannt sein und dann dürfte es bei Gelegenheit direkter Anfragen über Wetter-
nachrichten und Witterungsaussichten erwünscht sein, den Wetterdienst und die
Dienstzeiten an der Seewarte genauer zu kennen.
Vorbedingung zu einer zweckmäfsigen Bearbeitung und einer möglichst
raschen Verwerthung des wettertelegraphischen Materials ist, dafs die Wetter-
depeschen in ununterbrochener Reihenfolge und in einer systematischen Ordnung
kurz nach der Beobachtung einlaufen und schon während des Einlaufs gleichzeitig
für die verschiedenen Zwecke der Wettertelegraphie, sei es zur Information, sel
es zur Berichterstattung, verarbeitet werden. Zu diesem Zwecke müssen gut
geschulte Arbeitskräfte in genügender Anzahl zur Verfügung stehen, wobei auch
der Telegraphist über Form und Inhalt der ein- und auslaufenden Depeschen
möglichst gut unterrichtet sein sollte.
Die beigegebene Karte veranschaulicht das an der Seewarte zu den ver-
schiedenen Dienstzeiten einlaufende Depeschenmaterial. Die Sammeldepeschen
(morgens) sind durch punktirte Linien angedeutet. Hierbei sei nur noch bemerkt,
dafs von den Britischen Inseln morgens zwei Sammeldepeschen einlaufen, von
welchen die eine die Stationen Stornoway, Valentia und Yarmouth enthält, Für
den Nachmittags- und Abenddienst ist nur je eine Sammeldepesche von den
Britischen Inseln vorgesehen (mit bezw. 3 und 7 Stationen). Recht zu bedauern
ist es, dafs die Beobachtungen von der Iberischen Halbinsel, die doch
für unseren Witterungsverlauf eine immerhin erhebliche Bedeutung
haben, in dem wettertelegraphischen Material der Seewarte fehlen,
um so mehr, als durch die telegraphische Verbindung der Azoren und der Bermuden
mit dem Festlande ein Ueberblick der Witterungsverhältnisse auf dem Ocean
jener Breiten geschaffen werden könnte. Verschiedene dahin zielende Bestrebungen
hatten den gewünschten Erfolg nicht.
') Vgl. diese Zeitschrift, Jahrg. 1895, S. 337.
2) Vgl. van Bebber: „Handbuch der ausübenden Witterungskunde“, II, Theil, Enke,
Stuttgart, 1886. und „Wettervorhersage“, ebenda 1891.