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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 23 (1895)

370 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1895, 
— niedrigem Niveau der Grenzfläche — nur vor an den Stellen, wo die Schatten- 
grenze eine Spitze hat (Tafel Fig. 30, 31, 33, 36, 37 und 39). 
Die in Amerika und anderswo nicht selten beobachtete Erscheinung, dals 
der Schallschatten an der Luvseite eine äufsere Grenze hat, außerhalb derer 
volle Hörbarkeit wiedergefunden wird, findet man, wie früher erwähnt, in 
Prof. Henry’s Abhandlung beschrieben, und in Verbindung mit dem KEinflufs 
eines oberen, dem unteren entgegengesetzten Luftstromes gesetzt. 
Die Figuren 17 bis 28 der Tafel (Ex. 1 bis 13) zeigen, dafs die Erscheinung 
als nächste Ursache eine Abnahme der Windgeschwindigkeit mit der Höhe in 
der oberen Schicht hat. Die Schallstrahlen durchsetzten diese Schicht, und man 
hat es nicht nöthig, sie bis in einen entgegengesetzten oberen Wind zu verfolgen. 
Die Ursache der Abnahme der Windgeschwindigkeit in der oberen Schicht mag 
freilich ein entgegengesetzter oberer Luftstrom sein, aber dieser mag in vielen 
Fällen erst in gröfseren Höhen zu finden sein. 
Die Erscheinung wird, nach dem, was mir unser Beobachter auf Färder 
mitgetheilt hat, auch an der Mündung des Christiania-Fjords beobachtet. Mit 
Nordwind im Winter hören die Lootsen innerhalb (nördlich von) Färder die 
Nebelsignale, also zu Luvard, in gröfseren Abständen als in Lee. Kin solcher 
Nordwind ist ein Landwind in den niederen Luftlagen, in der Höhe weht oft 
augenscheinlich ein Südwind. 
Die „abnorme“ Hörbarkeit der Nebelsignale zu Luvard findet auch 
Erwähnung in dem interessanten Buche „The modern Light House Service, by 
A. B. Johnson, Chief Clerk United States Light House Board“, Kin Beispiel 
ist Seite 89 in diesem Buche durch eine Zeichnung illustrirt worden, und sowohl 
die Besprechung der Phänomene wie die Zeichnung sind in die „Pilot Chart of 
the North Atlantie Ocean, November 1894“ übergegangen. Dieser Zeichnung 
stelle ich meine Figur 5 (S. 228) gegenüber. Figur 5 giebt einen Ausdruck für 
den Gang der Strahlen und, wie auch Figur 8 (S. 233), für die bezügliche Er- 
zcheinung, aus den bekannten Gesetzen für die Fortpflanzung des Schalles in der 
Luft abgeleitet. Das Phänomen gehört der Luvseite, an der Leeseite haben wir 
die durch totale Reflexion bedingte Hörweite, und der Schatten hat da keine 
äußere Grenze. 
Oben, Seite 230, ist von der Interferenz der Schallstrahlen gesprochen 
worden. Sowohl aus Figur 5 wie aus Figuren 10, 19, 21 und 23 sieht man, 
dafs in solchen Fällen ein Punkt von zwei oder mehreren Strahlen getroffen 
wird, welche verschiedene Wege vom Schallgeber zurückgelegt haben und also 
interferiren können. Man könnte durch Rechnung die Linien und Ebenen auf- 
zuchen, auf welchen die von der Interferenz herrührenden Maxima und Minima 
der Intensität des Tons zu liegen kommen. Dies wird aber kein praktisches 
Interesse haben. Der Zustand der Luft, welchen man als konstant voraussetzen 
mußte, ist nach der Erfahrung immer wechselnd, und dadurch werden die Ebenen 
der Maxima und Minima immer in schwankender Bewegung sein sowohl in Form 
als in Lage. Auch das Ohr wird in vielen Fällen auf einem Schiffe keineswegs 
in Ruhe sein. Ich denke mir die Möglichkeit, dafs aus der Interferenz und den 
Zustandsänderungen der Luft eine Art Intensitätswechsel oder Intermittenz des 
gehörten Signals entstehen kann, durch welchen der Charakter des Tons beeinflufst 
wird, und mag hierauf aufmerksam machen für den Fall, dafs man Versuche oder 
Beobachtungen über solche Schallsignale macht. 
Die Beispiele, welche ich berechnet habe, und welche in der Tafel zur 
Darstellung gebracht sind, zeigen, wie mannigfach sich der Schallschatten und 
die Hörbarkeit eines Signals unter verschiedenen atmosphärischen Umständen 
stellen kann. Und doch sind es nur ausgewählte Fälle, die hier repräsentirt 
sind (für Windstille wird die Hörweite dwars für alle Richtungen gültig 
sein, die Schattengrenze ein Kreis); in der Natur ist die Mannigfaltigkeit 
unendlich. Für einen isolirten Beobachter im Nebel wird es nicht gerade leicht 
sein, sich im Einzelfalle davon Rechenschaft zu geben, selbst wenn er das 
Signal hört, wo er sich in Bezug auf die Signalstelle befindet, denn die Bestimmung 
der Richtung, aus welcher der Ton kommt, ist mit praktischen Schwierigkeiten 
verbunden. Ist der Beobachter im Schallschatten, kann er nichts vom Signal 
hören und mag in vielen Fällen, wenn keine andere Ortsbestimmung vorliegt,
	        
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