var Bebber: Das Sturmwarnungswesen an der deutschen Küste. 339
münde dieselben Leistungen für Fehmarn und Warnemünde, welche beide in
derselben Weise wieder mit Nachbarstationen verbunden sind, übernehmen würde.
Auf diese Weise dürfte bei zweckmäfsigster Einrichtung eine Ueberraschung durch
Sturm äufserst selten sein.
Für Fischerflotten, welche längere Zeit in gröfserer Ferne von der Küste
zu verweilen gezwungen sind, erscheint es wünschenswerth, eine zeitweilige Ver-
bindung mit der Küste zu unterhalten, um sich von den Windverhältnissen der
weiteren Umgebung zu unterrichten.
In der Augustnummer (1895) der „Mittheilungen des Deutschen See-
fischerei-Vereins“!) finden sich folgende beherzigenswerthe Ausführungen:
„Die Seefischerei unterscheidet sich von der übrigen Schiffahrt dadurch,
dafs ihre Fahrzeuge bei gleichem Interesse an der Abgabe von Nachrichten (An-
meldung bei der Ansegelung), namentlich bei Unglücksfällen, einen höheren Werth
wie diese auf die Empfangnahme von Nachrichten (Sturmwarnungen) legen müssen.
Sie unterscheidet sich ferner von der übrigen Schiffahrt dadurch, dafs
ihre Fahrzeuge je nach Jahreszeit und Verbänden etc. auf gewissen Gebieten
— Fischereigründen — fast mit Sicherheit anzutreffen sind, wodurch eben die
Möglichkeit gegeben ist, Sturmwarnungen direkt, wie z. B. bei Borkum-Riff und
Horns-Riff, nachdem der Kabelanschluß erfolgt ist, oder indirekt durch Ver-
mittelung derjenigen Dampfer auf See zu ihrer Kenntnißs zu bringen, deren
Routen auf dem Wege nach dem Kanal, nach den Häfen der Ostküste Englands
und Schottlands sowie nach dem Skägerrak diese Gebiete schneiden oder berühren.
Wir glauben, dafs es auf diesem Wege, d.h. durch Aufnahme der beim Passiren
der Feuerschiffe noch zugehenden Depeschen möglich sein wird, die Fischerflotten
in vielen Fällen so rechtzeitig zu warnen, dafs sie sturmklar machen, sich von
der Leeküste entfernen und eventuell schützende Ankerplätze aufsuchen können.“
5. Ein weiteres, sehr wichtiges Moment für die gröfsere Wirksamkeit der
Sturmwarnungen und der Wettervorhersagungen überhaupt wäre ein besseres
Verständnifs der Grundlehren der praktischen Witterungskunde beim gröfseren
Publikum. Die wenigen allgemeinen Grundsätze, welche aus mehrjährigen KXr-
fahrungen gesamınelt wurden, haben für die Wettervorhersage eine so aufser-
ordentlich grofse Tragweite gehabt, dafs sie eine vollständige Umwandlung in den
meteorologischen Anschauungen hervorriefen; ich meine hier das barische Wind-
gesetz und seine weitere Anwendung auf Wind und Wetter, das Verhalten und
die Fortpflanzung der barometrischen Minima und Maxima, ihren Einflufs auf den
allgemeinen Witterungscharakter, alles dieses ist für das grofse Publikum nicht
allein von grofsem Interesse, sondern auch von hoher praktischer Bedeutung.
Ein solches Verständnifs wird am leichtesten und vollständigsten durch
die täglichen Wetterkarten angebahnt, welche die jeweiligen Witterungszustände
und ihren kontinuirlichen Verlauf in übersichtlicher Weise veranschaulichen.
Leider beschränkt sich die Verbreitung der Wetterkarten nur auf ein verhältni(s-
mäfsig kleines Publikum, und dann gelangen jene erst mit mehr oder weniger
grofser Verspätung zu Händen der Interessenten, so dafs hierdurch der praktische
Werth derselben doch sehr vermindert wird.
6. Indessen dürfte ein anderer einfacher Weg viel geeigneter sein, die
Nutzanwendung der Wetterkarten in hohem Mafse zu erhöhen.
Durchblättern und vergleichen wir miteinander die täglichen Wetterkarten
irgend eines längeren Zeitraumes, so finden wir eine solche Mannigfaltigkeit in
den Wetterlagen und in den Witterungsvorgängen, dafs unter vielen Tausend
Wetterkarten nicht eine der anderen vollkommen gleicht; indessen lassen sich
gewisse typische Wetterlagen unterscheiden, welche mit geringen Modifikationen
häufig wiederkehren und welche ganz bestimmte Witterungscharaktere darstellen,
so dal es möglich ist, alle Wetterkarten nach bestimmten Gesichtspunkten in
ein festes System einzuordnen, wobei auch die Umwandlung der einen Wetter-
lage in die andere berücksichtigt wird. Eine solche systematische Sammlung
von Wetterkarten (Wetteratlas) würde für den praktischen Gebrauch von grofsem
Nutzen sein können; man braucht nur für die jeweilige Wetterkarte die analoge
im Atlas aufzusuchen, hiermit die vorhergehende und nachfolgende zu vergleichen,
und man erhält dann sofort Anhaltspunkte für die Beurtheilung des demnächst
zu erwartenden Wetters.
4 Vgl. auch Februarheft 1895.