van Bebber: Das Sturmwarnungswesen an der deutschen Küste, 335
von Umständen fällt dabei ins Gewicht und beeinflufst das Hauptresultat, so ins-
besondere der Zufall, die Erhaltungstendenz des Wetters, die größere oder geringere
Wichtigkeit der einzelnen Elemente für den Prognosenempfänger, die Stellung des
Prüfenden zu den Ergebnissen, die Fassung der Prognosen u. dgl., und so bleibt der
Willkür noch ein sehr grofses Feld. An der Seewarte waren in neuester Zeit zahl-
reiche Bestrebungen dahin gerichtet, bei der Prüfung der Wetterprognosen jede
Willkür zu entfernen und so eine rationelle Methode zu schaffen, aber auch hier
zeigten sich nicht zu entfernende Schwierigkeiten, und die Endergebnisse brachten
den wahren Werth der Wettervorhersagungen nicht zum richtigen Ausdruck; dabei
waren die Ergebnisse ganz andere als in der früheren Zeit. Im grofsen Ganzen
ergiebt sich das Resultat, daß Wetterprognosen, welche auf Mondeinflufs u. dgl.
begründet sind, die gröfßsten, ja „verblüffende“ Erfolge aufweisen, dafs diejenigen
von Wetterkundigen mit mangelhafter Information durchschnittlich etwa 90%
Treffer erzielen und endlich, daß die von den mit allen Hülfsmitteln aus-
gestatteten Instituten bedeutend zurückbleiben. Unter diesen Umständen hielt es
denn die Seewarte für richtig, von der Veröffentlichung der Prüfungsresultate bis
auf Weiteres abzusehen.
Der beste und jetzt einzig entscheidende Mafsstab für die Wirksamkeit
der Wettervorhersage ist das Urtheil desjenigen Publikums, welches an den
Wettervorhersagen am meisten Interesse hat. — Was zunächst die Stellung der
Landwirthe zu der Wettervorhersage betrifft, so gehen die Urtheile hier weit
auseinander, einerseits begegnen wir hier einem ausgesprochenen Optimismus,
andererseits einem nicht minder ausgesprochenen Skepticismus, so dafs sich beide
die Waage halten, aber das Urtheil ist dort am gerechtesten und auch am
günstigsten, wo das Verständnis am gröfsten und die Abhängigkeit vom Wetter
am meisten obwaltet. Bezüglich der Sturmwarnungen liegen eine grofse Menge
von Urtheilen aus dem betheiligten und gebildeteren Publikum in den Vereinigten
Staaten, in England und Deutschland vor; sie alle stimmen darin überein, dafs
die Küstenbevölkerung das Sturmwarnungswesen trotz der zeitweiligen Mifserfolge
als eine segensreiche Einrichtung ansieht. Speciell von der Seewarte sind aus
den Jahren 1882 und 1888 zwei Reihen von Gutachten von Lootsenkommandeuren,
Hafenmeistern, Signalisten und überhaupt von solchen Personen, von denen man
ein durch Erfahrung begründetes zuverlässiges Urtheil erwarten kann, eingeholt
worden; alle diese Gutachten, mit je zwei bis drei Ausnahmen, äufsern sich dahin,
Jafs die bestehenden Einrichtungen desSturmwarnungswesens die Küstenbevölkerung
im Allgemeinen befriedigen und geeignet seien, vieles Unglück und vielen Schaden
von unserer Küste fern zu halten, wie es durch verschiedene Beispiele nach-
gewiesen wird. Ferner habe ich nach einer Unfallstatistik des preufsischen Staates
zus den Jahren 1879 bis 1887 die schwersten und von zahlreichen Schiffsunfällen
begleiteten Stürme mit den Sturmwarnungen verglichen und gefunden, dafs in
fast allen jenen Fällen die Küste rechtzeitig gewarnt worden war, Als weiteren
Beleg für die Wirksamkeit unseres Sturmwarnungswesens führe ich endlich die
Thatsache an, dafs in verschiedenen deutschen Küstengebieten von Provinzial-
Regierungen und Privaten zahlreiche Signalstellen aus eigener Initiative und auf
eigene Kosten eingerichtet wurden und unterhalten werden und dafs deren Zahl in
stetiger Zunahme begriffen ist.
Bei der Wichtigkeit des Sturmwarnungswesens, um welches es sich hier ins-
besondere handelt, erscheint, es als ein dringendes Bedürfnifs, alle möglichen Mittel
anzuwenden, welche zur Förderung dieser Einrichtung geeignet sind, Die Mittel,
welche uns hierzu zu Gebote stehen oder. zu Gebote stehen sollten,‘ sind
mannigfacher Art, insbesondere ist es die hänfigere und rasche Einsammlung und
Bearbeitung des wettertelegraphischen Materials, welches uns in Stand setzt, die
Witterungserscheinungen auf gröfserem Gebiete in möglichst kurzen Zeitintervallen
zu verfolgen und daraus Schlüsse für den künftigen Verlauf der Witterung zu
ziehen, welche sofort für die Praxis allseitig verwerthet werden,
Während in den Vereinigten Staaten das wettertelegraphische System in
musterhafter Weise organisirt ist, bedarf die Wettertelegraphie in Europa noch
sehr gründlicher und einschneidender Reformen, deren dringendste, insbesondere
mit Pücksicht auf das Sturmwarnungswesen, ich hier kurz angeben will!)
1) Vgl. übrigens: van Bebber: „Handbuch der ausübenden Witterungskunde 1885/86“, bei
Enke, Stuttgart, und „Die Wettervorhersage“, ebenda, 1891.