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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 23 (1895)

332 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1895. 
in den richtigen Verhältnissen wiederzugeben. Der Peilungswinkel kann nur ein 
beschränkter sein. Die Schattirungen und die weitere Ausführung werden erst 
später nach dem Gedächtnifs stattfinden können, und es liegt auf der Hand, dafs 
dann die fertige Skizze häufig der Wirklichkeit nicht völlig entspricht. 
Die eingesandte Zeichnung mufß in vielen Fällen von einem Fachmann 
für die photolithographische Wiedergabe brauchbar gemacht bezw. umgezeichnet 
werden, wodurch eine neue Fehlerquelle entstehen kann. Wo geübte Zeichner 
an Bord fehlen — und das dürfte die Regel sein — treten solche Schwierigkeiten 
noch mehr hervor, 
So ist es denn erklärlich, dafs manche der der Navigirung heute zu Gebote 
stehenden Küstenansichten ein unrichtiges Bild geben und also ihren Zweck 
ungenügend erfüllen. An gleichförmigen, namentlich flachen und sandigen oder 
gleichmäfsig bewaldeten Küsten können leicht Verwechselungen vorkommen, 
wenn die Unterschiede nicht scharf wiedergegeben sind. Mancher Seemann hat 
wohl die Erfahrung gemacht, dafs eine von ihm zum ersten Male in verantwort- 
licher Stellung angesteucrte Küste, Insel etc. dem Bilde, welches er sich nach 
Beschreibungen und Vertonungen von ihr gemacht hatte, durchaus nicht entspricht. 
Es ist klar, dafs die Sicherheit und Schnelligkeit der Reise Einbufse 
leiden muß, wenn die Orientirung erschwert ist. Wir erinnern nur daran, 
dafs viele Einfahrten in Straßen und Reviere, namentlich dort, wo Lothungen 
unsicher sind, nur dann unternommen werden können, wenn das gesichtete Land 
vor Eintritt der Dunkelheit bestimmt erkannt und ausgemacht ist. Wo es an 
einer genügenden Befeuerung noch fehlt, wo Stromversetzungen die Regel bilden, 
wo die Regenzeit oder vorwiegend schlechtes oder diesiges Wetter herrschen 
und astronomische Ortsbestimmungen erschweren, dort sollte unter Umständen 
ein Blick auf die für kurze Zeit heraustretende Küste genügen müssen, um den 
Schiffsort festzustellen und die Weiterfahrt zu ermöglichen. Andernfalls würde 
die Schiffahrt infolge verminderter Fahrt oder Abstehens (bei Nacht) von der 
Küste sowie durch Stromversetzungen, Veränderungen des Windes etc. erhebliche 
Verzögerungen erleiden können. 
Selbst in unseren Gewässern und namentlich im Englischen Kanal, wo 
fast alle Wünsche der Schiffahrt erfüllt sind — wenn wir davon absehen, dafs 
ein am Nordostende der Varne-Bank durchaus nothwendiges Feuerschiff noch 
immer nicht ausgelegt ist —, spielt ein kurzer Blick mit Peilung auf die aus dem 
Nebel hervortretende Küste eine grofse Rolle. 
Charakteristisch und von Bedeutung sind in dieser Hinsicht, wie jeder 
Seemann erfahren hat, bei der Ausreise die Höhen von Foreland und Dover, 
beim Landmachen heimwärts bestimmter Schiffe Beachy Head. 
Es ist bekannt, dafs ‚trotz der hohen Entwickelung des Seezeichenwesens 
an den meisten europäischen und nordamerikanischen sowie an einigen anderen 
aufsereuropäischen Küsten jährlich neue Forderungen betreffs kostspieliger Ver- 
besserungen der Leuchtfeuer etc. gestellt werden. Für absehbare Zeit werden 
daher keine Mittel zur Verfügung stehen, um die Navigirung an fremden Küsten 
zu erleichtern, von denen manche, z. B. diejenigen des nordwestlichen und 
nördlichen Theiles von Neu-Guinea, welche der Postdampfer „Lübeck“ zu befahren 
hat, nur ganz ungenügend vermessen sind. 
Unsere Schiffsführer werden daher in solchen Gewässern auf gute Ver- 
tonungen einen besonderen Werth legen müssen. 
Die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Seekarten und Segelhand- 
bücher in Verbindung mit Küstenbeschreibungen enthalten nun zwar vielfach 
Vertonungen, doch ist ihre Zahl durchaus ungenügend, und ihre Zuverlässigkeit 
läfst, wie oben gesagt, Manches zu wünschen übrig. 
Wirklich brauchbare Küstenvertonungen sind, wenn wir die geschilderten 
Schwierigkeiten bedenken, in der Regel von Vermessungsfahrzeugen und solchen 
Kriegsschiffen aufgenommen worden, welche eines bestimmten Auftrages wegen 
sich dazu Zeit nehmen konnten. Kauffahrteischiffe haben wohl nur in einzelnen 
Fällen dazu Gelegenheit gehabt. Dabei sind hauptsächlich die für die Navigirung 
früherer Zeiten wichtigen Punkte in befahrenen Gewässern bedacht worden. 
Aber der Handel und die Schiffahrt suchen, wie z. B. auch die Post- 
aufgaben für unsere Woermann-Dampfer an der Ost- und Westküste Afrikas 
beweisen, stets neue Wege, der Dampferverkehr mit seinen von den Winden
	        
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