Dr. Johannes Kayser +
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Dr. Johannes Kayser 7.
Vor wenigen Tagen, am 31. Juli d. J., starb in Breslau Dr. Johannes
Kayser, Dompropst und ordentlicher Honorarprofessor der katholisch-theologischen
Fakultät an der Königlichen Universität zu Breslau.
Nicht eben viele Leser der „Annalen“ dürften sofort in der Lage sein,
den Zusammenhang anzugeben, vermöge dessen hier mit Recht dem Andenken
jenes Professors der Theologie einige Zeilen gewidmet werden.
Der heutigen Meeresforschung liegt, gerade weil sie eine so junge
Wissenschaft ist, in besonderem Mafse die Pflicht ob, die Verdienste aller der-
jenigen sorgfältig zu registriren, welche in den schwierigen ersten Jahren und
Jahrzehnten moderner meereskundlicher Thätigkeit für die Vertiefung und Aus-
breitung der Oceanologie gewirkt haben, sei es durch selbständige Untersuchungen,
sei es durch gediegene Popularisirung der gewonnenen Ergebnisse.
Auf dem letztgenannten Gebiete liegt die Bedeutung eines von Dr. Kayser
im Jahre 1873 zu Paderborn herausgegebenen Werkes, welches unter dem "Titel
„Physik des Meeres“ den ganzen Umfang der oceanischen Studien. in ebenso
gründlicher wie verständlicher Form behandelt.
Die Darstellung der einzelnen Probleme ist so eingehend, dafs man in
gewissem Sinne berechtigt ist, in Kayser’s Buch nicht allein einen populär-
wissenschaftlichen Abrifs der Meereskunde zu erblicken, sondern ein deutsches,
durchaus auf der Höhe seiner Zeit stehendes Lehrbuch dieses Wissenschafts-
ebietes.
5 Wenn man die Begründung einer wahrhaft physikalischen „Geographie
des Meeres“ mit dem Namen Maury’s verknüpft und vom Jahre 1853, dem Jahre
der Konferenz aller Seestaaten in Brüssel, datirt, so hat man die erste Epoche
dieser modernen meereskundlichen Forschungen bis zum Beginn der siebziger
Jahre auszudehnen, bis zu der Zeit, da durch die Expeditionen des „Challenger“,
der „Gazelle“ u. a. m. die Geheimnisse der Tiefsee in ganz ungeahnter Weise
und in rapid zunehmendem Umfange entschleiert wurden.
Für diese erste Epoche nun, also einen Zeitraum von einigen 20 Jahren,
gebührt dem am Ende desselben erschienenen Buche Kayser’s das sehr. große
Verdienst, in deutscher Sprache einem gröfseren Publikum die Gesammtsumme
der bisherigen Forschungsergebnisse zugänglich gemacht und damit gleichzeitig
auf die neue Aera der speciellen Tiefseeforschung vorbereitet zu haben.
Wer immer das Kayser’sche Buch auch nur theilweise studirt hat, wird
sicher sein, dafs es in ganz aufserordentlichem Grade seiner Zeit das Interesse
für die See und alle ihre Erscheinungen gefördert hat.
Das Werk ist verfaßt, als Kayser noch Direktor des Lehrerseminars in
Büren .war,!) und sein Grundstock wird von dem Inhalte mehrerer Vorträge
gebildet, die Kayser in dem wissenschaftlichen Verein zu Paderborn gehalten
hatte. Als Binnenländer zwar, aber getragen von einer unendlichen Begeisterung
für die Wunder des Meeres und gefördert durch zahlreiche Seereisen auf den
Gewässern der Nordsee wie der englisch-französischen Küsten entwirft uns Kayser
lebensvolle und naturgetreue Bilder von der See in allen ihren Stadien und
behandelt sachkundig und streng wissenschaftlich ihre Probleme. Geradezu
poetisch wird sein Stil in einzelnen Kapiteln, z. B. da, wo er mit dramatischer
Anschaulichkeit die Brandungsvorgänge oder das Meerleuchten auf Grund eigener
Anschauungen beschreibt,
Das etwa 360 Seiten umfassende Werk, dem auch eine sehr gute Karte
der Meeresströmungen beigegeben ist, enthält in einer ersten, „Physiographie
des Meeres“ überschriebenen Abtheilung die Lehre von den horizontalen und
vertikalen Ausmafsen der Oceane sowie von den chemischen und physischen
Eigenschaften des Meerwassers; in einer zweiten Abtheilung, der „Mechanik des
Meeres“, sind die Wellenbewegungen, die Gezeiten und die Meeresströmungen
abgehandelt. Man sieht, es ist genau der Umfang dessen, was auch unser jetziges
1) Die Vorrede ist, geschrieben „am 600. Geburtstage des Kopernikus“, bezeichnend für
den Standpunkt des Verfassers.