314 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1895.
Boden von lebenden Wesen bewohnt sind und keine Spur von Schwefelwasserstoff
aufweisen. Es blieb unbekannt, wie das Marmara-Meer sich in dieser Hinsicht
verhalte.
Zur Ausfüllung dieser Lücke hat die Kaiserlich Russische Geographische
Gesellschaft beschlossen, im Jahre 1894 eine Expedition ins Marmara-Meer auszu-
rüsten, und hat sie sich, um die Genehmigung der türkischen Regierung dazu auszu-
wirken, mit dem Kaiserlich russischen Botschafter in Konstantinopel in Verbindung
gesetzt. Es gelang dem Letzteren, in den höchsten türkischen Regierungskreisen ein
50 lebbaftes Interesse für diese Angelegenheit wachzurufen, da[ls Se. Majestät der
Sultan den Befehl gab, einen der grofsen Dampfer der Gesellschaft „Mahsusse‘“
auf die Dauer von sechs Wochen für die Expedition auszurüsten, und alle Unkosten
für den Unterhalt der Expedition auf seine eigene Kasse übernahm. Es wurde
der Dampfer „Selanik‘“, von ca 1800 Tonnen Deplacement, unter dem Kommando
des Lieuts, z. S. Hafiz-Suleiman ausgewählt. Die Mannschaft, welche aus
10 geheuerten Matrosen bestand, wurde durch 20 Matrosen der Marine verstärkt.
Aufserdem wurde der Adjutant des Marine-Ministers, Korr.-Kapt. Igsan-Bei,
beauftragt, die Expedition zu begleiten und für ihre Verpflegung Sorge zu tragen.
Zur Leitung der Expedition und zur Ausführung der hydrologischen Beob-
achtungen kommandirte das russische Marine-Ministerium, auf die Bitte der
Kaiserlich Russischen Geographischen Gesellschaft, den Unterzeichneten und gab ihm
Lieut. Warnek als Gehülfen bei. Ferner erwählte die Kaiserlich Russische Geo-
graphische Gesellschaft für die zoologischen Arbeiten Dr. Ostroümof, für die
geologischen den Docenten der Petersburger Universität Andrüsof und für die
chemischen den Magistranten Lebedintsef.
Alle Instrumente und Zubehör, mit Ausnahme der Draggen und chemischen
Apparate, wurden aus der hydrographischen Hauptverwaltung und den Beständen
des Sewastöpoler Kriegshafens geliefert. Die Fahrt der Expedition dauerte vom
7. September bis zum 11. Oktober; während dieser Zeit wurden an 61 Punkten
les Marmara-Meeres Beobachtungen angestellt. Der Endpunkt lag am Ausgange
ins Mittelmeer. Die Hauptresultate der Untersuchungen lassen sich in Folgendem
zusammenfassen:
Der Boden des Marmara-Meeres weist drei Kessel auf, welche annähernd
auf einem Parallelkreis liegen; von ihnen ist der westliche und mittlere über
600 Faden (1080 m), der östliche aber an zwei Stellen über 700 Faden (1360 m)
tief. Die gröfste gemessene Tiefe ist 767 Faden (1404 m). Der östliche Kessel
[Allt zusammen mit dem Mittelpunkt des Erdbebens, welches am 10. Juli in
Konstantinopel auftrat, und nach den Untersuchungen von Aginitis die gröfste
Ausbreitung von allen bekannten Erdbeben der letzten Jahre hatte. Unsere
Lothungen deuten anscheinend auf eine Vergröfserung der Wassertiefen in diesem
Gebiet. Ein solches Zusammentreffen legt den Gedanken nahe, dafs das Erd-
beben vom Juli durch eine Senkung des Meeresbodens infolge von inneren
Höhlungen oder Zusammenziehung der Erdkruste entstanden sein könne. Sollten
in Zukunft genauere Tiefenmessungen in der erwähnten Gegend die Zunahme
der Tiefen sicher feststellen, so würde dieses der erste thatsächliche Nachweis
einer Senkung des Meeresbodens in historischer Zeit sein. Dafs das Erdbeben
ron Konstantinopel nicht vulkanischen Ursprungs war, zeigen die Beobachtungen
der Expedition über den Schlamm in grofsen Tiefen; nirgends wurden Spuren
vulkanischer Produkte gefunden.
In Bezug auf seine chemisch-physikalische Natur zeigt sich das Marmara-
Meer dem Mittelmeer verwandt, und nur seine Oberflächenschicht giebt Anzeichen
ihres Ursprungs aus dem Schwarzen Meere. Der bedeutende Unterschied im
Salzgehalt des Schwarzen und des Mittelländischen Meeres ruft eine zwiefache
Bewegung des Wassers im Marmara-Meer hervor. In der Tiefe fließt das salzigere
Wasser des Mittelmeeres zum Schwarzen Meere, an der Oberfläche bewegt sich
das ausgesülste und darum leichtere Wasser in der entgegengesetzten Richtung.
Im Bosporus und den Dardanellen verstärkt sich diese Bewegung zu einer sehr
merkbaren doppelten Strömung; an der Oberfläche erreicht ihre Geschwindigkeit
2 Knoten und mehr, in der Tiefe etwas mehr als 1 Knoten. Die Grenze der
Strömungen geht im Zickzack durch das ganze Marmara-Meer auf der Tiefe von
7 bis 12 Faden (12 bis 22 m). Das ganze Becken des Marmara-Meeres ist von
einer Tiefe von 15 Faden (27 m) an mit Wasser vom Salzgehalt des Mittelmeeres