Zur Einfahrt vön Marseille bei Nordweststurm,
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Zur Einfahrt von Marseille bei Nordweststurm.
Bericht des Kaiserlich deutschen Generalkonsuls für Marseille, Herrn BARTELS, vom 27, März 1895.
Nach den von mir an. verschiedenen. Stellen eingezogenen Erkundigungen
dürfte es Dampfern bei starkem Nordwestwinde (Mistral), und zwar bei Wind-
stärke 8 der französischen Skala, unmöglich sein, in den Hafen von Marseille zu
gelangen. Die aus Westen kommenden Dampfer können sich alsdann — sogar
ohne Lootsen — direkt nach der Bucht von L’Estaque begeben, um dort zu
ankern und das Ende des Mistral abzuwarten.
Die aus Osten kommenden Dampfer können — nöthigenfalls auch ohne
Lootsen — zwischen Pomegues und Ratoneau (und If [Chäteau d’If] zur Rechten)
hindurch direkt nach der Bucht von L’Estaque gehen und dort ankern.
Haben die Dampfer keine Lootsen erlangen können, so werden sich diese
in L’Estaque sofort an Bord begeben.
Seglern dürfte es bei einem Mistral der gedachten Windstärke überhaupt
nicht möglich sein, sich der Küste zu nähern. Doch können sie selbst bei
ziemlich heftigem Mistral in den alten Hafen (Vieux Port) durch Bugsirdampfer,
die, wenn es das Wetter irgend zuläfst, auf der Rhede von Marseille zu finden
sind, geschleppt werden.
Wenn es bei starkem Mistral einem aus Osten kommenden Dampfer nicht
möglich ist, sich in der Richtung auf Marseille vorwärts zu bewegen, so kann er
im Hafen von Toulon, in der Bucht von Bandol oder auf der Rhede von La
Ciotat vor Anker gehen.
Der Hafen von Toulon bietet bei jedem Winde vollständige Sicherheit;
die Bucht von Bandol ist nur bei Südwestwind unsicher, besitzt übrigens einen
vorzüglichen Ankergrund und wird namentlich Seglern empfohlen. Die Rhede
von La Ciotat bietet bei Mistral guten Schutz, ist nur bei südlichen Winden
(SW und SE) unsicher. Im Nothfalle kann ein Dampfer auch in den kleinen
Hafen von La Ciotat einlaufen, wenn derselbe nicht durch Dampfer der
„Messageries Maritimes“ besetzt ist.
Wiederholt habe ich bei Mistral, namentlich auf der bergigen Insel
Pomegues, plötzliche Windstöße beobachtet, die aus den dortigen Schluchten
hervorzudringen scheinen und die See am Fuße der Felsen hoch aufschäumen
lassen, ein Vorgang, der an einen Lawinensturz erinnert. Diese Windstöfse —
tourbillons genannt — sollen bei Mistral auch in der Nähe des Kaps Mejeau,
auf Ratoneau und bei Marseille-Veyre vorkommen, sind jedoch, wie mir ein
erfahrener, ortskundiger französischer Schiffsführer versichert, Dampfern durchaus
angefährlich, können jedoch Seglern und kleinen Fahrzeugen verderblich werden,
Notizen.
Ueber die Ansegelung von Rio Grande do Sul berichtet Kapitän
W. Schweer vom Dampfer „Rio‘, wie folgt: Von Norden kommend und in
apinem Abstande von 8 bis 10 Sm längs der Küste steuernd, sieht man nur kahle
Sanddünen, die zerstreut mit Buschwerk besetzt sind. Achtzehn Seemeilen NO
vom Rio Grande-Leuchtthurm hört das Buschwerk ganz auf — an derselben
Stelle safls im November 1894 das Wrack eines Dreimastschoners hoch auf Strand;
erst in 10 Sm Abstand vom Leuchtthurm zeigt es sich wieder an einzelnen
Stellen. Als erste erkennbare Landmarke von Rio Grande kam die Kirche von
San Jose in Sicht mit zwei mäßig hohen Thürmen, die infolge starker Refraktion
sehr vergrößert erschienen und anfänglich für den Leucht- und den Wachtthurm
gehalten wurden. Letztere wurden indessen erst %/4 Stunde später gesichtet.
Der Wachtthurm ist ein plumper viereckiger Bau, während der daneben stehende
Leuchtthurm schlank ist. Die Entfernung von dem Letzteren wird sehr leicht
überschätzt, da der Strand hier sehr niedrig ist; dagegen gewährt das Loth einen
yuten Anhalt.