236 Annalen der Hydrographie ind Maritimen Meteorologie, Juni 1895.
beiden von den Ufern aus auf der festen, mit Steinen beschwerten Sinkstück-
unterlage vorgebauten Faschinendämmen allmählich verkleinerte und der mächtige
den Spalt durchbrausende Wasserstrom unter der kundigen Hand der Lage auf
Lage vorbringenden Buhnenarbeiter sich immer mehr verringerte. Eine letzte
Lage schlofs die Rinne, und mit einem kräftigen Hurrah durchschritt die ganze
Gesellschaft trockenen Fußes die Weichsel mit dem erhebenden Gefühl, Zeugen
eines bis in die fernsten Zeiten für die Weichsel-Niederungen bedeutungsvollen
Momentes gewesen zu sein. Die jetzt geschlossene untere Coupirung hat nur
eine Höhe von 1,2 m über dem Ostseespiegel, die bei dem jetzt in der Weichsel
herrschenden niedrigen Wasserstande genügt. Die bereits in den Sinkstücklagen
vorbereitete und nunmehr sofort kräftigst im Bau zu fördernde, etwa 200 m
weiter aufwärts liegende obere Coupirung wird mit ihrer Krone 2,4 m über der
Ostsee liegen. Sie soll hauptsächlich die noch weiter oberhalb auszuführende
Durchschüttung des hochwasserfreien Stromdeiches gegen alle Eventualitäten
eines etwa eintretenden Sommerhochwassers sicherstellen. Die Durchschüttung
des Deiches wird ebenfalls jetzt in Angriff genommen.“
Notizen.
ı. Junin, Chile. Zufolge Berichts des Kapt. Hoffmann vom Schiffe
„Capella“ ist die Rhede von Junin sehr wenig geschützt, nicht einmal vor süd-
westlichen Winden, daher auch eine beständige Dünung aus SW bis West vor-
handen ist, welcher Uebelstand Junin zu einem der schlechtesten Salpeterhäfen
an der Westküste Südamerikas macht. Da die Gesellschaft, welche die Salpeter-
lager bearbeitet, die neue Ladebrücke für die Leichter eine ziemliche Strecke
nördlich von der früheren Ladestelle, wohin der Salpeter noch auf Maulthieren
von den Minen her befördert wurde, erbaut hat, so ist jetzt der Ankerplatz der
Schiffe auch so weit nach Norden verschoben, und liegt man jetzt noch mehr
der offenen See ausgesetzt. Im alten Junin ist Alles abgebrochen bis auf eine
kleine Frischwasserfabrik, die täglich 2000 Gallonen Trinkwasser herstellen kann.
Man thut gut, sich zeitig danach umzusehen. Die Compagnie fordert für das-
selbe einen enormen Preis, eine Gallone wird mit einem Penny berechnet; ebenso
ist für ärztlichen Beistand, einerlei ob Kranke zu behandeln sind oder nicht, eine
Abgabe von 1 Penny die Registertonne zu entrichten. Diese Ausbeutung
erstreckt sich auch auf die Arbeiter. Letztere erhalten ihren Lohn nur in dem
Papiergelde der Compagnie ausbezahlt, welches in den umliegenden Orten nur
mit einem Verlust von 20 Cents auf den Dollar los zu werden ist und stellen-
weise, wie in Pisagua und Iquique, garnicht angenommen wird,
An keinem andern Salpeterplatze geht die Drahtseilbahn zo steil bergan
wie in Junin, und ist hier auf dem schroffen 840 m hohen Abhang auch nur
eine Zwischenstation vorhanden. Es scheint, dafs dieser hohe, mehrere Meilen
Nord und Süd von Junin sich hinziehende Bergrücken die Seebriese zurückstölst,
was unter Anderen die Hamburger Bark „Antuco“ zu ihrem Schaden empfinden
mu[ste. Dieselbe lag vier Tage mit gehißten Raaen segelfertig, ringsum von
spiegelglattem Wasser umgeben, während 2 bis 3 Sm weiter seewärts eine mälsige
Seebriese das Wasser kräuselte. Das Aergerlichste war noch, dafs man Tag für
Tag die Schiffe von Pisagua mit windgefüllten Segeln in See gehen sah. Endlich
am fünften Tage gelang es der Bark, mit einer unerwartet aufspringenden Land-
briese fortzukommen. Ebenso erging es während unserer Anwesenheit in Junin
im April und Mai noch mehreren anderen Schiffen; tagelang lagen sie segelfertig
so weit draufsen, wie sie mit Warpen gelangen konnten, und warteten vergebens,
dafs der Strich schwarzen Wassers im Westen näher kommen sollte. In der Um-
gebung von Pisagua und Iquique sind die Bergrücken zerklüfteter und nicht so
steil aufgehend wie in Junin und Caleta Buena, weshalb dort der erwähnte
Uebelstand sich nicht in dem Maße zeigt; doch liegen die letzteren Plätze
querab von den Minen, und ist deshalb der Transport des Salpeters hierher
bedeutend einfacher und billiger als nach den von den Hauptminen nördlich
bezw. südlich gelegenen Häfen von Pisagua und Iquique.